Erfurt (Thüringen) – Plötzlich kippt die Stimmung. Aus Sprechchören werden Schläge und Tritte. Drei Reporter der Medienplattform „Apollo News“ geraten am Rande des AfD-Parteitags in eine aufgebrachte Menschenmenge. Wenige Sekunden später beginnt eine Verfolgungsjagd durch die Erfurter Innenstadt. Erst eine Polizei-Spezialeinheit bringt die Männer in Sicherheit.
Videos zeigen die Szenen: Linksextremisten verfolgen die drei jungen Männer. Immer mehr Teilnehmer der Gegendemonstration schließen sich an. Schließlich stehen die Reporter auch dem „Schwarzen Block“ gegenüber – einer Gruppe überwiegend schwarz gekleideter und häufig vermummter Teilnehmer aus der autonomen linksextremen Szene. Die Situation eskaliert.
Rund 30 Angreifer verfolgen die Reporter, schlagen und treten auf sie ein. Einer der Männer stürzt, wird umringt und am Boden attackiert. Erst eine Polizei-Spezialeinheit drängt die Menge zurück.
BILD-Chefreporter Frank Schneider war Augenzeuge
Chefreporter Frank Schneider berichtet für BILD von den Gegendemos am Rande des AfD-Parteitags in Erfurt. Den Angriff bekam er aus nächster Nähe mit. „Es haben sich etwa 2000 Gegendemonstranten an der Kreuzung aufgehalten, darunter auch vermummte Autonome.“
Plötzlich wurde es laut. „Zunächst waren ‚Nazis raus‘-Rufe zu hören. Danach habe ich beobachtet, wie mehrere junge Männer geschubst und angegriffen wurden. Es gab aggressive Beschimpfungen, dann die ersten Schläge und auch Tritte. Schnell ging das erste der drei Opfer zu Boden.“
Schneider berichtet: „Sie hetzten dann regelrecht die drei Journalisten durch die Menge, immer wieder wurden sie angegriffen. Dann flogen auch Flaschen, Steine und Farbbeutel. Erst hinter einer Polizeikette konnten sich die Reporter in Sicherheit bringen. Anschließend drängte die Polizei die Angreifer mit Pfefferspray und Schlagstöcken zurück.“ Schneider spricht mit den Angegriffenen noch vor Ort: „Sie waren völlig geschockt, sagten zu mir, dass sie von ‚Apollo News‘ wären.“
Das sagt die Polizei – so suchen sie jetzt die Täter
Eine Polizeisprecherin bestätigte den Vorfall gegenüber BILD: „Wir können sagen, dass der Vorfall von uns aufgenommen wurde. Die Betroffenen wurden nach ersten Erkenntnissen aus der Masse mit Flaschen angegriffen.“ Weiter erklärte sie: „Die Ermittlungen haben jetzt begonnen. Eine für den Einsatz eigens gebildete Ermittlungsgruppe wird sich damit befassen.“ Ob die Reporter gezielt erkannt wurden oder für Teilnehmer des AfD-Parteitags gehalten wurden, ist nach Angaben der Polizei bislang unklar.
Nur 45 Minuten nach dem Vorfall beobachtet BILD-Chefreporter Karl Keim, wie Polizisten der Beweisdokumentation (BeDo) die Gesichter von sitzenden Aktivisten filmen. „Möglicherweise wollen sie so die Angreifer des Apollo News‘-Teams identifizieren“, vermutet Keim. Bei Demos vermummen sich Linksextremisten in der Regel, um nicht erkannt zu werden. Keim: „Die Polizei zog verdeckende Kleidung aber runter. Es kam zu Protesten von anderen Aktivisten, die sich den Beamten in den Weg stellten.“ Die Polizeisprecherin wollte auf Nachfrage kein Zusammenhang zwischen dem Angriff und der Aktion bestätigen.
„Apollo News“-Reporter schildern die Attacke
Die „Apollo News“-Reporter Marius Marx (24) und Jonas Aston waren mit einem Kameramann am Rande der Gegendemonstration in Erfurt. Marx zu BILD: „Wir waren gerade bei einer Sitzblockade am Gothaer Platz, wollten eigentlich eine Pause in einem Café machen. Wir haben aber eine Besprechung von Demonstranten mitbekommen, die wir mit Handys filmen wollten.“
Um 9.40 Uhr kommt es zur Attacke. Die Demonstranten bemerken das Trio, das von außen nicht als Journalisten zu erkennen ist. Marx: „Erst rief einer das Kommando ‚Kamera‘. Die haben sich daraufhin mit Schildern abgeschirmt.“ Dann kippt die Stimmung. „Einer hat ‚Nazis raus‘ gerufen. Für alle anderen waren wir dann offenbar die Rechten.“ Weiter berichtet Marx: „Wir wurden geschubst und abgedrängt. Ich dachte noch, dass wir das friedlich lösen können.“ Die Reporter fliehen Richtung Polizei, wissen aber nicht, dass sie dafür am „Schwarzen Block“ vorbeimüssen. „Das war wirklich gefährlich. Ein Mob hat uns verfolgt. Wir wurden mit wilden Kung-Fu-Tritten traktiert und mit allem Möglichen beworfen“, sagt Marx.
Sein Kollege Jonas Aston, der in dem Video am Boden liegend mit Tritten gegen den Kopf getroffen wird, beschreibt die Situation aus dem Krankenhaus: „Es fühlte sich wie ein Überlebenskampf an.“ Die drei Reporter wurden anschließend unter Polizeischutz zu einem Rettungswagen gebracht und medizinisch versorgt. Aston erlitt nach eigenen Angaben eine Platzwunde am Hinterkopf, die er im Krankenhaus behandeln ließ. Die Berichterstattung brach das Team anschließend ab. Die „Apollo News“-Reporter glauben selbst nicht an einen gezielten Angriff, er ist aber zumindest denkbar.