Politik

Aufstand der Kinderärzte: Die Kassen-Reform schadet unseren Kindern! Stimmt das?

Aufstand der Kinderärzte: Die Kassen-Reform schadet unseren Kindern! Stimmt das?

Berlin – Großer Frust unter Deutschlands Kinderärzten! Die Mediziner sind sauer über die geplante Gesundheitsreform der Bundesregierung. Besonders heftig entlud sich die Wut an Friedrich Merz (70, CDU). Die niedersächsische Kinderärztin Bea Merscher (39) warf dem Kanzler bei RTL „menschenverachtende“ und „zerstörerische“ Politik vor. Ein Kritikpunkt: Kinder von Kassenpatienten würden künftig angeblich keine Vorsorgeuntersuchungen („U‑Untersuchungen“) mehr bekommen.

Doch viele Mediziner bringt noch etwas auf die Palme. Merz hatte erklärt, die Ärzte seien auch „Nutznießer“ des deutschen Gesundheitssystems. „Überaus respektlos“, schimpft zum Beispiel Kinderarzt Claus Pflugbeil: „Wir sind nicht Nutznießer, wir sind Leistungserbringer.“

Die Wut der Kinderärzte – BILD sagt, was dahintersteckt.

Worum geht es bei dem Streit genau?

Um das sogenannte „Beitragssatzstabilisierungsgesetz“ (seit 30. Juli in Kraft). Die Regierung will mit dem Gesetz verhindern, dass die Gesundheitsbeiträge für Arbeitnehmer und Rentner weiter explodieren. Aktuell verlangen die Krankenkassen im Schnitt 17,5% Beitrag pro Monat (bezogen auf den Lohn). Rekord!

Was ändert das Gesetz für Kinderärzte?

Sie bekommen quasi einen „Patienten-Deckel“. Bedeutet: Behandelt eine Praxis in einem Quartal (z.B. Juli bis September) mehr Kinder als im Vorjahreszeitraum, gibt es für die zusätzlichen Patienten weniger Geld. Wieviel weniger – das steht noch nicht fest. Viele von ihnen fürchten Einbußen. Auch dann, wenn Kinder für Impfungen oder Vorsorge kommen.

Wie viele Vorsorge-Untersuchungen gibt es im Jahr?

Mehrere Millionen, die allermeisten bei Kindern (95 Prozent laut Robert Koch-Institut).

Was ändert sich für Kinder?

Sie haben wie bisher Anspruch auf alle Leistungen. Der Branchenverband BVKJ aber warnt: Eltern könnten schwerer einen Termin beim Kinderarzt bekommen. Grund: Wenn Ärzte für einige Behandlungen künftig weniger Geld erhalten (von den Krankenkassen), könnten sie die Zahl der Termine reduzieren. Und Behandlungen in das nächste Quartal verschieben. Termin-Stau!

BVKJ-Sprecher Jakob Maske sieht noch einen Effekt: Gutverdiener-Eltern könnten Behandlungen notfalls privat bezahlen und daher schneller eventuell einen Termin bekommen.

Gibt es nun künftig weniger U-Termine?

Klar ist: Ab 2027 werden Vorsorgeuntersuchungen aus einem begrenzten Honorartopf bezahlt. Ist der Topf leer, müssen Termine verschoben werden. Laut BVKJ machen U1 bis U9 und andere Vorsorgeuntersuchungen etwa 40 Prozent der Arztarbeit aus.

Was, wenn dringend eine Vorsorge benötigt wird?

Wenn Kinder dringend eine Vorsorge oder Impfung benötigen, Ärzte die Leistung aber nicht mehr abrechnen können – dann wird es kritisch. Und genau das kritisieren die Mediziner. Denn: Ärzte dürfen nicht beliebig kostenlos behandeln. Nach einem Urteil des Landgerichts Berlin kann die kostenlose Behandlung von Patienten gegen das Berufsrecht verstoßen.

Allerdings sagt der Ärzteverband KBV: Kassenärzte machen heute schon mehr als 40 Millionen Termine pro Jahr, für die sie keine Vergütung erhalten.

Wieviel bekommt der Arzt für einen U-Termin?

Das regelt die Gebührenordnung. Danach gibt es z.B. für die U3 (ab 3. Lebenswoche) 51,22 Euro. Für die U10 (9- bis 10-Jährige) erhält der Arzt 58 Euro. Extra-Leistungen (z.B. Hüftultraschall) werden gesondert abgerechnet.

Haben wir in Deutschland zu wenig Kinderärzte?

In Deutschland gibt es 25.110 Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin. Davon sind 17.650 berufstätig. Obwohl die Zahl seit 1991 um mehr als 70 Prozent gestiegen ist, sind bundesweit 212 Praxissitze für Kinderärzte unbesetzt. Gerade auf dem Land fehlen aber Kinderärzte. Offiziell unterversorgt sind derzeit etwa die Landkreise Rottweil (Ba.-Wü.) und Hildburghausen (Thüringen). Und: Laut der Kassenärztlichen Vereinigung werden bis 2030 mehr als die Hälfte der Kinderärzte in Rente gehen – oft ohne Nachfolge.

Was verdient ein Kinderarzt überhaupt?

Angestellte Ärzte verdienen im Schnitt rund 7808 Euro brutto pro Monat (Bundesagentur für Arbeit). Ärzte mit eigener Praxis erzielen im Schnitt 71.541 Euro Honorar im Quartal (Verband KBV). Nach Abzug der Praxiskosten (Miete, Personal, Geräte etc.) bleiben 35.410 Euro. Macht rund 11.800 Euro brutto im Monat.

Sind Ärzte also Nutznießer?

Nein. Sie arbeiten in einem stark regulierten System, in dem sie immer wieder aus eigener Tasche draufzahlen.

Familienministerin Karin Prien (61, CDU) warnt die Kinderärzte trotzdem davor, die Reform zu torpedieren. „Wenn jeder Reformvorschlag, der den Status Quo infrage stellt, gleich als menschenverachtend diffamiert wird, geht politisch bald nichts mehr“, so Prien zu BILD.

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