Kultur

Bayern kaufte zweieinhalb Tonnen Zucker pro Patientin

Bayern kaufte zweieinhalb Tonnen Zucker pro Patientin

Naturgesetze stehen im Ruf, überall und für jeden zu gelten. Das ist nicht ganz korrekt, wie der Erfolg der Homöopathie beweist. Deren Begründer Samuel Hahnemann kaute im Jahr 1790 auf Chinarinde herum, bis ihn malariaähnliche Fieberschübe ereilten. Vermutlich unter deren Eindruck ersann er das sogenannte Ähnlichkeitsprinzip, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Es wurde zur Doktrin seines 1810 erschienenen „Organon der Heilkunst“, der Bibel der Homöopathen. Dazu kam eine weitere Idee, die er Potenzierung nannte: je kleiner die Ursache, desto größer die Wirkung.

Man nehme einen Tropfen Wirkstoff, verdünne ihn mit Wasser, schüttele das Ganze rhythmisch – „zehn Schläge eines kräftigen Armes von oben herab“, vorzugsweise auf ein in Leder gebundenes Buch – und verdünne so immer weiter, bis kein Molekül mehr übrig ist. Man kann sich das in etwa vorstellen, als ob man seinen Autoschlüssel im Starnberger See versenkt, einmal kräftig umrührt und fortan erwartet, dass jedes Mal, wenn man in München den Wasserhahn aufdreht, in der Garage der Golf anspringt.

Wobei das noch untertrieben ist. 30 Gramm Schlüssel in drei Kubikkilometern Wasser ergeben eins zu hundert Billionen – in der Fachsprache eine schlappe D14. Für eine handelsübliche C30 bräuchte es zehn hoch sechsundvierzig Starnberger Seen oder eine Wasserkugel von zweihundert Lichtjahren Radius, vom Marienplatz aus bis zu Alpha Tucanae, einem orangen Riesen im Sternbild Tukan. Man müsste 6,6 Sextilliarden Globuli schlucken, um ein einziges Molekül Wirkstoff zu erwischen, also 167.000 Sonnenmassen Zucker.

Das vorausgeschickt, versteht man besser, was das bayerische Gesundheitsministerium an der TU München seit 2019 wissenschaftlich erforschen ließ, unterstützt mit 635.000 Euro aus der Landeskasse. Es galt herauszufinden, ob homöopathische Globuli bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten helfen. Laut dem nun vorliegenden Ergebnis hilft Zucker mit Wasser exakt so gut wie Wasser mit Zucker. Ein Placebo, das vorgibt, ein Medikament zu sein, ist einem Placebo, das sich ehrlich macht, ebenbürtig.

Ursprünglich wollte die Uni für das Experiment 280 Patientinnen rekrutieren. Trotz intensiver U-Bahn-Werbung machten am Ende nur 39 Frauen mit. Aus homöopathischer Warte ein Vorteil: Eine Schrumpfung von 280 auf 39 Patientinnen entspricht einem Verdünnungsfaktor von 7,2 – womit man allerdings nicht einmal die erste Potenzstufe erreicht. Für eine ordentliche C30-Studie hätte das Gesundheitsministerium mit 39 mal zehn hoch sechzig Frauen starten müssen. Das entspricht dreihundert Milliarden Erden, auf denen jedes einzelne Atom aus einer bayerischen Patientin bestünde. Das wäre eine saubere Datenbasis gewesen.

Auch die wirtschaftliche Bilanz der Studie liest sich interessant. Knapp 100.000 Euro wurden für die verwendeten Globuli ausgegeben. Gemäß dem gängigen Kilopreis für Haushaltszucker sollte man für das Budget circa 100 Tonnen Zucker bekommen, also vier volle Sattelzüge. Aufgeteilt auf die 39 Teilnehmerinnen ergibt das eine Pro-Kopf-Ration von zweieinhalb Tonnen Zucker. Die Probandinnen haben die Kügelchen während der neunmonatigen Testphase wohl nicht geschluckt, sonst wäre eine anderweitige Behandlung nötig.

Am 10. Juli hat der Bundestag die Homöopathie aus dem Leistungskatalog gestrichen, sieben Tage bevor in Bayern das Studienergebnis mitgeteilt wurde. Die CSU nahm es „zur Kenntnis“. Die AfD-Fraktion teilte mit, aus den Ergebnissen lasse sich „weder ein genereller Wirksamkeitsnachweis noch eine generelle Unwirksamkeit der Homöopathie ableiten“. Man darf von einem erkenntnistheoretischen Globulus sprechen: je dünner der Beleg, desto fester die Überzeugung.

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