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KI und Mikrofilme: So funktioniert das mit den NSDAP-Akten

KI und Mikrofilme: So funktioniert das mit den NSDAP-Akten
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Berlin – Riccardo Longo (30), KI-Ingenieur bei BILD, ist einer der Köpfe hinter der Technik. Er erklärt, wie es möglich ist, dass man jetzt ganz einfach die Abermillionen NSDAP-Akten durchsuchen kann.

„Die Mikrofilme wurden gerettet. Die Amerikaner haben dann einen großen Dienst geleistet, indem sie die über 5000 Filmrollen mit 16 Millionen Akten eingescannt haben“, sagt Longo. So waren die Akten schonmal digitalisiert.

Longo: „Vor Künstlicher Intelligenz wäre dies das Endstadium gewesen. Dann wäre man auf die Webseite gegangen und hätte seinen Opa gesucht. Das hätte wahrscheinlich Monate gedauert, da man alles hätte durchblättern müssen.“

Ein erster Schritt wurde dann gemacht, indem die Amerikaner eine sogenannte OCR (Optical Character Recognition – zu Deutsch: optische Zeichenerkennung) über die Scans laufen ließen. Das Ergebnis wurde im März 2026 öffentlich zur Verfügung gestellt. So hatte man zusätzlich zu den Scans ein Textdokument, das man durchsuchen konnte.

Der nächste Schritt

Longo: „Wir haben diese OCR-Daten genommen und ein KI-System entwickelt, das diese Daten bereinigt. Viel ist da in Schreibschrift geschrieben, von Stempeln verdeckt. Es gab viele Fehler. Die moderne KI hat es geschafft, die Daten besser nutzbar zu machen.“

So kann jeder BILDplus-Nutzer jetzt zum Beispiel einen Opa in den Akten innerhalb von Millisekunden finden. Etwas, was früher Monate gedauert hätte. Professor Jürgen W. Falter (82, Uni Mainz), der eines der wichtigsten Standardwerke über die NSDAP geschrieben hat, sagt dazu: „KI ermöglicht es, riesige Datensätze, wie sie die NSDAP-Mitgliederkartei mit ihren über zwölf Millionen Karteikarten darstellt, in ihrer Gesamtheit zu analysieren. Bisher waren nur Stichproben möglich.“

Und: „Ein riesiger Vorteil besteht darin, Untersuchungen, an denen viele Mitarbeiter monate-, ja jahrelang arbeiten, in viel kürzerer Zeit durchzuführen. Das beschleunigt die Gewinnung neuer Erkenntnisse enorm. Mein Forschungsprojekt über die Mitglieder der NSDAP erstreckte sich über die Dauer von insgesamt acht Jahren, wobei darin mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter und Hilfskräfte beschäftigt waren. Heute ist das in wenigen Monaten, ja sogar mithilfe einer gut trainierten KI in wenigen Wochen zu leisten.“

Aber das ist noch nicht alles, so KI-Ingenieur Longo. „Zusätzlich nehmen wir den Namen, verbinden ihn mit Geburtsdatum und Geburtsort und schicken diese Informationen zum Bundesarchiv. Dort gibt es eine Abfrage zur SS- oder SA-Mitgliedschaft und ob eine Entnazifizierungsakte vorliegt“, sagt er. Außerdem gibt es dann eine automatische Abfrage bei der „Deutschen Digitalen Bibliothek“, ob der Name in Zeitungen aus der Nazizeit auftaucht. Zum Beispiel in einer Traueranzeige aus einem Regionalblatt.

KI hilft bei der Erklärung der Akte

Wer bei BILD eine NSDAP-Akte gefunden hat und raufklickt, öffnet automatisch einen Chat, der die Informationen der Dokumente schon kennt. Longo: „Der KI-Chat kann die Akte dann historisch einordnen, so dass man zum Beispiel weiß, was es bedeutet, wenn ein Familienmitglied am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, beigetreten ist.“ Dazu kann die KI Abkürzungen, Begriffe und Symbole erklären. „Ein Eisernes Kreuz beim Feld ,Ausgetreten‘ bedeutet zum Beispiel ,Gefallen im Krieg‘“, sagt Longo.

Digitaler Kraftakt

Innerhalb weniger Millisekunden wird eine Anfrage auf Servern und Archiven bearbeitet. Dahinter stecken riesige Rechenleistungen, besonders das KI-gestützte Bereinigen der Daten aus den Akten war ein riesiger digitaler Kraftakt.

Longo erklärt: „Wenn man etwa bei ChatGPT etwa nach dem Wetter fragt, steckt dahinter schon eine enorme Rechenleistung. Die Aufbereitung solcher Datenmengen braucht etwa das Achtmillionenfache davon.“

Professor Falter von der Uni Mainz schließt: „Gleichzeitig demokratisiert sich sozusagen der Umgang mit den gewonnenen Erkenntnissen, da andere Forscher, ja selbst kenntnisreiche Laien viel leichter prüfen können, ob das, was gefunden und veröffentlicht wurde, auch stimmt. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, deren Potenzial wir nur ahnen können.“

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