Viele kennen Sie als Kabarettisten. Kennen Sie Ostdeutschland? Die Ossis unterscheiden sich historisch von uns Wessis. Wieso? Viele von ihnen waren bei drei Gelegenheiten bereit, für die Freiheit zu sterben. 1953 wagten Arbeiter einen Aufstand. Nach 1961 wurden Hunderte liquidiert bei dem Versuch, der DDR zu entfliehen. 1989: Massendemos, bei denen vorher niemand wusste, ob sie nicht im Blutbad enden.
Eine friedliche Revolution. Wir hatten so viel Mut nie nötig.
Jetzt wählen im Osten viele in Ihren Augen falsch. In einem Interview beschimpfen Sie deshalb die Ostdeutschen, Überschrift: „Klappe halten, Jammer-Ossis!“
Danach: „Ihr wollt gegängelt und getreten werden. Der Osten war schon immer das lebende Stockholm-Syndrom. Demokratie bedeutet nicht, dass der Staat, den man zutiefst verachtet, für einen alle Probleme löst.“
Die Ossis wollen getreten werden, wie unfassbar arrogant das klingt. Und wie falsch. Ossis wehren sich, wenn sie das Gefühl haben, dass schon wieder andere sie treten. Sie wollen zum Beispiel nicht, dass ihre Städte so werden wie manche Städte im Ruhrpott. Sie wollen anders leben, als Leute wie Sie es ihnen vorschreiben wollen.
Sie jammern nicht. Sie halten auch nicht die Klappe. Viele von ihnen sagen einfach nur: „Nein.“
Und das ist ihr gutes Recht.
Beste Grüße
Harald Martenstein
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