Nur im Anflug ruckelt es. Beim Bruch durch die Wolken wird die Maschine durchgeschüttelt, als wäre sie in eine Pro-Palästina-Demonstration geraten, wie die, die letztes Jahr unter dem Banner des Kollektivs Venice4Palestine ingrimmig über den Lido zog. Aber dann, unten auf dem Boden: das reine Idyll, spätsommerliche 28 Grad, was ja heutzutage angenehm kühl ist, eine sanft schaukelnde Alilaguna-Barke vom Flughafen-Pier Richtung Lido.
Als man kurze Zeit später heraustritt aus dem Casino, genannt Quasi-Keller, auf der vom Meer abgewandten Seite des Festivalpalasts, das Erkennungsmärkchen um den Hals, das Zutritt gewährt zu den versammelten Weltpremieren des Weltkinos, trübt kein Wölkchen mehr das freundliche Blau. So pastoral geht es also los, wetter- und infrastrukturmäßig. Aber wie geht es weiter?
Direktor Alberto Barbera, 75, seit 2012 im Amt, hat die 83. Mostra, wie das Festival auf Italienisch heißt, bei der Programmvorstellung die politischste seit Jahren genannt. Themen wie Krieg, Palästina, Migration und Klima sowie schrumpfende politische Freiheiten durchziehen die Auswahl. Wenige Wochen später klang er im Gespräch mit der Branchenzeitung „Variety“ schon ganz anders: Das Festival sei ein offener Raum, den Politik nicht tangiere, ein Ort des freien Dialogs zwischen unabhängigen Künstlern. Ja, was denn nun?
Ein wenig Verstimmung auch bei der Pressekonferenz zum Auftakt. Zuerst hatte sie gar nicht stattfinden sollen, vorgeblich wegen „Terminschwierigkeiten“. Nachdem das Gemurre, es könne ja vielleicht auch daran liegen, dass man unliebsame Fragen vermeiden wolle, unüberhörbar wurde, waren die Terminschwierigkeiten rasch ausgeräumt. Während viele Journalisten noch in der Frühvorstellung des Eröffnungsfilms „Ink“ von „Trainspotting“-Regisseur Danny Boyle saßen, trat Barbera im Casino gemeinsam mit der Jury vor die Kameras.
Den Vorsitz hat dieses Jahr die Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal inne. Auf eine frühe Frage nach der spärlichen weiblichen Präsenz im Wettbewerb sagte sie, die gleiche Frage beschäftige sie auch. „Ich schätze, es hat sich nun endgültig herausgestellt, dass Männer bessere Filme machen als Frauen“, sagte Gyllenhaal, ohne eine Miene zu verziehen. Barbera rang sich den Versuch eines Lachers ab.
Tatsächlich war zuerst nur ein einziger Film einer Regisseurin nominiert worden, May el-Toukhys „Woman Unknown“, bevor die Gaza-Dokumentation „NAZA“ nachrückte, die in der Co-Regie von Rachel Szor und Yuval Abraham entstand. Somit zeichnen Frauen streng genommen nun für anderthalb der 21 Wettbewerbsfilme verantwortlich.
„Wer entscheidet eigentlich, was gut und wertvoll ist?“, sagte Gyllenhaal. Wenn man neben dem künstlerischen Leiter sitzt, ist das wohl eine rhetorische Frage. „Frauen haben ja erst seit sehr kurzer Zeit überhaupt die Möglichkeit, Filme zu machen“, fuhr sie fort. Es werde wohl dauern, bis sich alle an deren Handschrift gewöhnt hätten. Ihre Ernennung zur Vorsitzenden der Jury sei allerdings auch ein Signal, das man nicht ignorieren dürfe. Zum Vergleich: Bei der letzten Berlinale waren Frauen annähernd paritätisch im Wettbewerb vertreten, in Cannes stammten dieses Jahr immerhin fünf von 22 Filmen von Frauen.
Die erste Frage der Pressekonferenz hatte der gefürchteten politischen Dimension des Festivals gegolten. Gyllenhaal kündigte an, bei der Eröffnung am Abend mehr dazu sagen zu wollen. Vorerst beschied sie sich mit dem Hinweis, dass die Kunst eine Empathiespezialistin sei: „Wir können uns zumuten, Geschichten über die korruptesten, perversesten Menschen zu hören, weil sich damit die Möglichkeit auftut, Empathie für diese Menschen zu finden – und zu sehen, auf welche Weise auch in uns ein kleiner Schurke steckt, ein bisschen Perversion, ein bisschen Korruption.“
Dazu gibt es am Abend reichlich Gelegenheit. Danny Boyles „Ink“ erzählt den Gründungsmythos des Medienmoguls Rupert Murdoch – wie er in den Sechzigern mit der britischen Boulevardzeitung „Sun“ den Markt umkrempelte. Guy Pearce spielt Rupert Murdoch als trockenen Charismatiker mit erstaunlich vielen Skrupeln. Jack O’Connell ist sein Chefredakteur Larry Lamb, der dem neuen Boss gleich zu Anfang erklärt, die Frage nach dem „Warum“ einer Story sei die unwichtigste. Erstens hätten viele Geschichten einfach keinen Grund – „shit just happens“, und zweitens mache eine Antwort den Deckel drauf.
Solange man vorgeblich nach dem Warum schürfe, würden immer weitere Zeitungen verkauft. Für den Film hat James Graham sein Bühnenstück von 2017 selbst adaptiert. Boyle nennt das Ergebnis eine Vorgeschichte: Wer verstehen wolle, wie wir zu „Fox News“, Clickbait und Truth Social gekommen seien, müsse sich diese Zeitung ansehen.
Das ist alles recht grob mit dem Holzhammer gezimmert. Passt einerseits zum Gegenstand. Andererseits wundert man sich schon, wie viel Empathie man jetzt aufbringen soll für die Leute, die angeblich den Untergang des Abendlands auf den Weg gebracht haben. Der Film ist sich da offenkundig selbst unschlüssig. Die Amerika-Rechte hat Netflix gekauft.
Vorsichtshalber kurz vor Schluss, wenn die meisten Berichterstatter schon abgereist sind, haben die Venezianer „NAZA“ programmiert, der interessanterweise von der nächsten britischen Zeitung finanziert wurde, dem „Guardian“. Yuval Abraham und Rachel Szor, zwei der vier Regisseure des oscarprämierten „No Other Land“, haben nach eigenem Bekunden drei Jahre lang nachts auf Tel Aviver Dächern gedreht. Der Titel ist ein Akronym aus dem israelischen Militärjargon; er beziffert, wie viele Zivilisten ein Luftangriff voraussichtlich töten wird.
Neben dem „Guardian“ wird als Executive Producer Jonathan Glazer genannt – der „Zone of Interest“-Regisseur hatte im vorigen Jahr schon „The Voice of Hind Rajab“ auf den Lido gebracht, jenes melodramatische Machwerk über den tragischen Tod eines palästinensischen Mädchens im Sperrfeuer der Israelis. Es gewann einen der Hauptpreise. Die Jury soll sich darüber fast zerfleischt haben. „NAZA“ läuft am 10. September. Es ist die einzige Doku im Wettbewerb. In der Jury wird Gyllenhaal unter anderem mit Kaouther Ben Hania, der Regisseurin von „The Voice of Hind Rajab“, zu diskutieren haben.
Ansonsten ist es um Palästina bislang einigermaßen ruhig, abgesehen vom traditionellen offenen Brief, mal wieder unterschrieben von den üblichen Verdächtigen Annie Ernaux, Ex‑Pink-Floyd-Roger Waters und dem italienischen Regisseur Matteo Garrone. Das Kollektiv fordert vom Festival „konkretes Handeln zur Unterstützung Palästinas“. Barbera hat sich bis dato nicht dazu geäußert.
Das nächste Wunsch-Sorgenkind heißt „DAU“. Ilya Khrzhanovsky zeigt gut drei Stunden aus seinem bizarren Sowjet-Experiment, das man jetzt länger erklären müsste und über das wir vor Jahren schon ausführlich berichtet haben. Offenbar geht es diesmal um Lew Landau, einen der Väter der sowjetischen Atombombe. Mitte August protestierten das ukrainische Außen- und Kulturministerium gemeinsam mit der Botschaft in Rom gegen die Einladung. Das gehe ja gar nicht, ein Projekt, unentwirrbar verstrickt in den russischen Staat und seine Einflussnetzwerke.
Zum Beweis angeführt wurden der sanktionierte Unternehmer Sergej Adonjew, der die Chose finanzierte, und der involvierte Dirigent Teodor Currentzis, der in Russland arbeitet, ohne den Krieg je verurteilt zu haben. Barbera antwortete auf Instagram, „DAU“ sei mitnichten ein russischer Film und noch weniger Putin-Propaganda, sondern im Gegenteil eine Anklage totalitärer Regime. Khrzhanovsky hat seine russische Staatsbürgerschaft aus Protest gegen den Krieg abgelegt und lebt in Berlin. Der Film ist als deutsche Produktion ausgewiesen, was die Geschichte nicht weniger brisant macht.
Hinter den Kulissen gibt es Streit zwischen der Biennale, der Dachorganisation der venezianischen Kulturfestivals, und der Europäischen Union. Die strich Gelder, nachdem der russische Pavillon der Kunstausstellung nach vier Boykottjahren wieder öffnete. Das Geld finanzierte indes auch die Nachwuchsschmiede Biennale College und die Venice Production Bridge, den Markt im Excelsior. Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco hat daher auf der Programmpressekonferenz eine Rechnung aufgemacht, die er sichtlich lange geübt hatte: Die Union nehme der Biennale zwei Millionen und überweise Putin in sechs Monaten sechs Milliarden. Die Beschwerde gegen die EU läuft.
Am Abend soll es wieder versöhnlich werden. George Clooney bekommt von Laura Dern den Ehrenlöwen für sein Lebenswerk beziehungsweise viele Jahre beharrliche Lido-Präsenz. In den nächsten Tagen geht es ziemlich deutsch und abgehangen weiter, mit den neuen Filmen von Werner Herzog und Wim Wenders. Herzog hat mal wieder einen Spielfilm gedreht, mit Kate und Rooney Mara sowie Orlando Bloom. Cannes soll die kalte Schulter gezeigt haben, weswegen der Exil-Chiemgauer in Los Angeles nun auf dem Lido aufschlägt. Und Wenders besichtigt das Genie des Architekten Peter Zumthor in 3D.
Am Wochenende werden zudem die Gallagher-Brüder Noel und Liam erwartet, für eine Oasis-Doku, die kurz danach auch in Deutschland anläuft. Wenn sogar die beiden sich vertragen, mag das als gutes Omen für ein verträgliches Festival gelten.