Berlin – Beleidigungen, Bedrohungen, körperliche Angriffe: Die Gewalt gegen Ärzte, Pfleger und Rettungskräfte nimmt zu. Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (61, SPD) hat solche Übergriffe selbst erlebt. Im BILD-Interview berichtet der frühere Chirurg von Drohungen im Klinik-Alltag, fordert mehr Respekt für medizinisches Personal und fordert außerdem deutlich teurere Zigaretten.
BILD: Wie groß ist das Problem der Gewalt gegen Ärzte und Sanitäter?
Andreas Philippi: Ich selber habe viele Jahre als Arzt gearbeitet, habe selber verschiedene Übergriffe, verbale, aber auch körperliche erlebt. Nicht nur an mir, sondern auch an Personal nachts in der Notaufnahme von betrunkenen Patientinnen und Patienten, die da auf uns losgegangen sind, die Kollegen schwer verletzt haben. Das Problem hat in den letzten 25, ich möchte sagen 30 Jahren deutlich zugenommen. Die Hemmschwelle der Patienten ist einfach gesunken. Man ist viel eher bereit, zu beschimpfen, aggressiv zu werden.
Ist Ihnen selbst etwas passiert?
Ich bin mehrere Male bedroht worden. Ein (Mann) hat gesagt: „Pass auf, wenn du das nächste Mal durch eine Unterführung durchgehst, ich bin hinter dir.“ Und das ist etwas, was Sie nicht gleich abschütteln. Und es ist auch wichtig, dass wir an dieser Stelle dem Personal Hilfe geben, Möglichkeiten geben, auch solche Dinge nachzubesprechen in verschiedenen Kreisen. Auch da haben wir gemeinsam mit den Ärztekammern, mit dem Marburger Bund verschiedene Projekte angeboten. Ich habe auch erlebt, wie Menschen einen Kollegen von mir verprügelt haben während des Röntgens. Der hatte hinterher eine Nasenbeinfraktur. Ich habe erlebt, wie nachts in einer Notaufnahme ein Patient versucht hat, eine Schwester gewalttätig anzufassen. Ich bin dann körperlich dazwischengegangen, ist glücklicherweise gut gegangen. Es ist nichts weiter passiert, aber es ist schon dramatisch, wenn solche Dinge passieren. Das habe ich selber erlebt.
Geht Ihnen die geplante Gesetzesverschärfung weit genug?
Ich glaube, dass wir eine klare und eine gute Rechtsprechung haben. Ich glaube auch, dass die Strafen gut genug sind. Ich glaube nicht, dass ein längerer Gefängnisaufenthalt hilft, sondern möglicherweise muss man mit den Leuten dann auch darüber sprechen, was es eigentlich bedeutet. Und Sie möglicherweise mit anderen Dingen konfrontieren, vielleicht einen längeren Führerscheinentzug. Dass sie merken müssen, wie wichtig es eigentlich ist, sozial auch zu leben.
Es ist ein großes Diskussionsthema: Wie viel darf Werbung? Sie haben da eine klare Position.
Nikotin, Alkohol und Zucker in großen Mengen genossen sind einfach schädlich, krankheitserregend, nicht gesundheitsfördernd. Da muss man klipp und klar sagen, dass Alkohol einer der häufigsten Trigger für Krebserkrankungen in diesem Land ist, genauso wie Nikotin. Und dass Zucker in großen Mengen genossen, gerade bei Kindern, dazu führt, dass sich früh Diabetes entwickeln kann, dass es zu anderen Erkrankungen kommt. Ich glaube aber auch, dass Aufklärungen an dieser Stelle nicht wirklich was genutzt haben in den letzten Jahren. Deshalb ist die Diskussion um die Zuckersteuer für mich eigentlich erledigt. Ich glaube, wir brauchen die Zuckersteuer. Ich glaube auch, dass wir Zigaretten noch mehr besteuern müssen an dieser Stelle. Weil es notwendig ist, damit auch Prävention hinterher gegenzufinanzieren. Und beim Alkohol ist es ja sowieso schon passiert, dass die Steuer erhöht worden ist.
Wie viel sollte denn die Packung Zigaretten kosten?
Im Moment sind wir nach der letzten Steuererhöhung bei 11 Euro. In Australien und in Neuseeland zahlen sie ungefähr das Doppelte für eine Packung.
Also 22 Euro?
Damit könnten wir einiges Präventives, Gutes tun in diesem Land.