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Stade: Das Blutbad – die ganze Vorgeschichte des Sechsfach-Mords

Stade: Das Blutbad – die ganze Vorgeschichte des Sechsfach-Mords
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Stade – Er schoss so lange, bis niemand mehr schrie. Dann lagen sechs Tote vor ihm. Vier Frauen, zwei Männer. Menschen, die gekommen waren, um ein drei Monate altes Mädchen zu schützen. Und zwar vor ihm, vor Fatih G. (45), dem Vater des Kindes.

Stade, mittags um zwölf in der Dankersstraße in Stade (Niedersachsen). Viele Bäume. Kopfsteinpflaster. Rot geklinkerte Häuser. Eine ruhige Wohnstraße am Rand der Innenstadt. Hinter einer dieser Türen liegt eine Jugendhilfeeinrichtung mit angeschlossenen Mutter-Kind-Wohngruppen. Heute sind aus Hannover drei Mitarbeiter des Jugendamts angereist. Sie und drei Mitarbeiter der Einrichtung wollen mit der Mutter und Kindsvater Fatih G. sprechen, wie die Kleine sicher aufwachsen kann. Doch es wird kein Gespräch. Es wird eine Hinrichtung.

Der erste Schuss fällt um 12.10 Uhr

Anwohner Peter P. (55) ist gerade mit seiner Familie vom Einkaufen zurückgekommen, in die Einfahrt gefahren. „Wir waren noch nicht mal richtig ausgestiegen, als wir die Hilfeschreie aus vollem Halse hörten.“ Zwei, drei Knallgeräusche. Sekunden Stille. „Und dann wurde gefühlt ein ganzes Magazin geleert.“ Wie eine Schnellschusswaffe habe sich das angehört. „Dann gab es keine Schreie mehr, nur Schüsse. Auf einmal war alles verstummt.“ Vier Menschen sind sofort tot. Ein fünfter stirbt trotz Reanimation am Boden. Ein sechster wird es später im Krankenhaus nicht schaffen.

Flucht im getunten AMG endet an Polizei-Sperre

Vor dem Rotklinker-Haus springt ein silberner Mercedes-AMG an, getunt, mit Hannoveraner Kennzeichen. Am Steuer sitzt eine 65-jährige Frau. Auf dem Beifahrersitz: Fatih G., die Pistole in der Hand, die er kurz zuvor benutzt haben soll. Sie rasen los, raus aus Stade. Die Flucht endet 20 Minuten später auf der B73 bei Haddorf, die Polizei hatte einen Traktor quergestellt – Zugriff.

Am späten Nachmittag stellen sich die Ermittler vor die Kameras. Kein Terror. Kein politisches Motiv. Kein Femizid. Die Ermittler sprechen von einem „familiären Hintergrund“ – von einem Sorgerechtsstreit.

Monate vor der Bluttat geriet der Vater ins Visier

Doch das Wort „Streit“ trifft die Wahrheit nicht. Denn was in diesem Beratungsraum explodierte, hatte eine lange Zündschnur. Sie führt zurück in den April, in ein Krankenzimmer der Medizinischen Hochschule Hannover. Dort liegt an einem Apriltag ein Säugling. Hirnblutung. Es ist die Tochter von Fatih G. Die Ärzte haben einen Verdacht: Jemand hat dieses Kind geschüttelt. Sie melden das dem Jugendamt. Die Staatsanwaltschaft Hannover leitet ein Ermittlungsverfahren wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen ein – gegen den Vater.

Der Sorgerechtsstreit

Die Familie hat eine andere Version. In einem 20-seitigen Schreiben, das die 65-jährige Patentante drei Tage vor der Tat an mehrere Redaktionen, darunter die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (HAZ), schickt, steht: Das Baby habe erbrochen, es habe gezuckt, die Eltern hätten es sofort in die Klinik gebracht. Und die Blutung? Die komme daher, dass der Vater einige Tage zuvor „im Halbschlaf mit seinem Kopf gegen den Kopf des Kindes gestoßen“ sei. „Welt“ und „HAZ“ stellen heraus, dass diese Aussagen „nicht unabhängig überprüfbar“ seien.

Doch zurück zum April. Wenige Tage nach Aufnahme der Tochter erscheint der Vater erneut in der Klinik. Er soll die Ärzte bedroht haben. Erst verbal, dann per E-Mail. „Die haben wir geprüft“, sagt Oberstaatsanwalt Oliver Eisenhauer, „aber nicht für strafrechtlich relevant empfunden.“ Dafür reagiert das Jugendamt. Es nimmt das Mädchen aus der Familie. Es folgt ein Verfahren am Amtsgericht Neustadt am Rübenberge. Am Ende steht eine Anordnung des Amtsgerichts: Die Mutter darf bei ihrer Tochter bleiben – aber nur unter Aufsicht, in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Der Vater darf beide dort nicht besuchen. Beide Eltern legten Beschwerde ein, die Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle steht noch aus.

Vater kauft Tatwaffe vier Tage vor Massaker

Vier Tage bevor die Patentante den Redaktionen schreibt, kauft Fatih G. nach NDR-Recherchen in Berlin am Kurfürstendamm eine halbautomatische Pistole. Eine Beretta Modell 70, italienisch, präzise, tödlich. 21 Schuss Munition. Wer sie ihm für angeblich 4000 Euro in bar verkauft hat, ermittelt die Mordkommission. Am Tag der Tat sitzt die 65-Jährige am Steuer des getunten AMG, als Fatih G. nach dem Blutbad in der Mutter-Kind-Einrichtung mit der Beretta in das Auto steigt. Die Ermittler prüfen jetzt, was sie wusste – und wann. Sie ist, das wird ebenfalls bekannt, die Schwiegermutter des SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku, der auch Landesbeauftragter für Migration ist. Er machte die familiäre Verbindung selbst öffentlich, seine Fraktion stellte sich hinter ihn. Kurkus Schwiegermutter arbeitet nach Recherchen der „HAZ“ für eine Lobbyorganisation, die binationale Ehepaare berät.

Tote Jugendamts-Mutter hinterlässt zwei Kinder

Eines der sechs Opfer war 32 Jahre alt, zu Hause warteten zwei drei und vier Jahre alte Kinder auf die Frau. Freundinnen beschreiben sie in einem Spendenaufruf als „außergewöhnliche Frau“: „Eine liebevolle Mutter, eine starke Persönlichkeit und ein Mensch mit einem unglaublich großen Herzen.“ Selbstlos sei sie gewesen, warmherzig, immer für andere da. Sie habe geholfen, unterstützt, sich mit voller Hingabe für Menschen eingesetzt, die Hilfe brauchten – beruflich beim Jugendamt und privat.

Ihre eigenen Kinder, heißt es in dem Aufruf, waren „ihr größter Schatz“, ihr „Ein und Alles“. Sie habe ihnen Liebe geschenkt, Geborgenheit, Sicherheit. Und sie habe weitergekämpft, auch als die Welt eigentlich schon zu schwer wurde: Am 9. Juni verlor die Familie plötzlich den Vater der Kinder. Zwanzig Tage später wurde die Mutter erschossen. Der Stade-Killer machte die Geschwister zu Waisen. Innerhalb weniger Tage haben mehr als 23.000 Menschen gespendet. Über 600.000 Euro sind zusammengekommen. Deutschland spendet, weil es sonst nichts tun kann. Von den fünf weiteren Getöteten sind bislang keine Details öffentlich.

Die Türkei-Akte des Tatverdächtigen

Es ist Dienstagnachmittag, als das Amtsgericht Stade Haftbefehl gegen Fatih G. erlässt. Sechsfacher Mord. Heimtücke. Niedere Beweggründe. Je tiefer die Ermittler graben, desto schwärzer wird das Bild. BILD liegen Auszüge aus dem türkischen Justizsystem UYAP vor. Sie dokumentieren: Fatih G. wird in der Türkei seit Jahren gesucht. In Kahramanmaras läuft seit 2007 ein Verfahren wegen eines schweren Sexualdelikts. 2022 kommt in Gaziantep ein zweites Verfahren dazu – der Verdacht: sexueller Missbrauch der eigenen Tochter. Und noch etwas: 2021 saß G. in der Türkei in Untersuchungshaft. Er brach aus dem Gefängnis aus und tauchte unter. In Deutschland. In Garbsen. Bei einer Frau, mit der er ein neues Kind bekam.

Wenn diese Recherchen sich bestätigen, dann saß in dem Beratungsraum in Stade kein „polizeibekannter, aber nicht als gewalttätig geführter“ Familienvater. Dann saß dort ein Mann, gegen den in der Türkei bis heute gefahndet wird. Und ein Mann, dessen türkische Vorgeschichte den deutschen Ermittlern nach eigener Auskunft offenbar nicht bekannt war: Die Stader Staatsanwältin Julia Pirk teilt auf Anfrage mit, sie habe „keine Erkenntnisse“ über Straftaten des 45-Jährigen in der Türkei – der Austausch zwischen deutschen und türkischen Behörden gilt seit Jahren als schwierig.

Offene Behörden-Fragen

Was bleibt, sind viele Fragen. Warum wurde Fatih G., der von Ermittlern als „schwierig und aggressiv im Umgang mit Behörden“ beschrieben wurde, an einem Tisch mit sechs Jugendhilfe-Mitarbeitern in einem Wohnhaus empfangen und nicht in einem gesicherten Gerichtsraum? Warum wussten deutsche Behörden nichts von einem türkischen Haftbefehl gegen einen Mann, der in Deutschland ein Kind gezeugt hatte? Warum konnte ein polizeibekannter, Ärzte bedrohender Vater sich am Berliner Kurfürstendamm eine Beretta besorgen wie andere Leute einen Fernseher?

Ermittlungen gegen Mutter

Die drei Monate alte Tochter, über deren Zukunft an diesem Montag verhandelt werden sollte, ist in Sicherheit. Sie ist in der Obhut des Jugendamtes. Ob sie je wieder bei ihrer Mutter aufwachsen wird, ist fraglich. Denn Mutter und Vater standen in diesem Sorgerechtsstreit, in dessen Verlauf es zu einem Sechsfach-Mord kam, auf derselben Seite. Beide hatten Beschwerde eingelegt, beide kämpften gemeinsam gegen die Behörden, bis der Killer die Waffe zog.

Und auch wenn die Mutter des Kindes und die Patentante nicht in Untersuchungshaft sitzen – die Staatsanwaltschaft hat BILD bestätigt, dass gegen beide ermittelt wird. Als Mordverdächtige.

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