Kultur

„Wenn alle gleich klingen würden, bräuchte ja kein Orchester mehr auf Tournee zu gehen“

„Wenn alle gleich klingen würden, bräuchte ja kein Orchester mehr auf Tournee zu gehen“

Von hier oben könnte man Hamburg glatt für eine Arbeiterstadt halten. Wir schauen über den Hafen, Kräne drehen sich, Container werden hin- und weggefahren. Touristen flanieren in der Sonne vorbei auf der Terrasse vor uns. Irgendwo rechts geht’s hinein in die Elbphilharmonie. Jenen Saal, den Manfred Honeck einst als Einspringer sozusagen warm dirigieren durfte in den Proben vor der eigentlichen Eröffnung.

Neun Jahre ist das bald her. Neun Jahre lang war Honeck, der leise, so gar nicht maestrohafte Mann mit dem sanften austriakischen Singsang in der Stimme, da schon Chef beim Pittsburgh Symphony Orchestra. Mit dem Stahl- und Arbeiterstadt-Ensemble ist er jetzt hier.

Sie feiern in diesem Jahr türkise Hochzeit. Länger als Christian Streich Cheftrainer beim SC Freiburg war, prägt Honeck jetzt das 1895 gegründete und in der Heinz Hall residierende Orchester. Die Beziehung zwischen ihm und den Pittsburghern – Liebe auf den ersten Blick auf beiden Seiten, sagt Honeck – begann mit Tschaikowskys Fünfter. Die hätten die Pittsburgher mit jedem anderen Gastdirigenten im Schlaf spielen können. Aber nicht mit Manfred Honeck. Der packte seine Partitur aus.

Zu Partituren hat er ebenfalls ein eheähnliches Verhältnis, weil er lange mit ihnen lebt, immer alles, was es an Neuigkeiten in Editionen gibt, einträgt und alles, was ihm einfällt. Und es fällt ihm – das macht ihn stets staunen – immer etwas Neues ein. Und dann ging er ins Detail, in die Tiefe des Klangs. Das, sagt Manfred Honeck, ist ein Imperativ beim Dirigieren. Er hatte auch das Orchestermaterial vorbereitet, in den Stimmen notiert, was ihm wichtig war.

Das macht er immer so. Verzweifelt ist er mal, als Partitur und Notenmaterial auf dem Weg nach Japan verschütt gingen. Da musste er das Orchestermaterial überarbeiten und aus einer Partitur dirigieren, in der alles, was sonst links stand, plötzlich rechts war. Ein Wahnsinn.

Dirigenten, so das Credo des Manfred Honeck, sind nicht so wichtig wie sie gemacht werden. Eine Idee muss man vom Stück haben, sagt er. Und dann die Musiker dazu bringen, zur höheren Ehre des Komponisten und des Werkes im richtigen Moment das Richtige zu spielen, gemeinsam zu spüren, Farben zu entdecken. Klingt einfach. Ist so schwer. Eine andere Kultur des Lauten, des Leisen, des Tempos zu entwickeln, das ist ihm wichtig. Er ist ein Nuancenfinder vor dem Herrn.

Die Pittsburgher – den Vertrag mit ihnen hat er gerade bis 2033 verlängert – hat er so zu einem hochmusikalischen Hochleistungsensemble geformt, das es mit jedem europäischen Spitzenklangkörper aufnehmen kann. Ein vibrierendes Valeurinstrument, das deutsch-romantische Tradition mit amerikanischer Präzision verbindet, einen Klang produziert, der wirkt wie wärmende Stahlwolle.

Honeck hat diese fast altertümlich anmutende Art des Umgangs mit einem Orchester zu einem der begehrtesten Gastdirigenten gemacht. Und jetzt zum Chef der Philharmonia in London, der schlafenden Schönheit unter den britischen Großorchestern. Und zum Direktor eines Festivals der San Francisco Symphony, das eigens für ihn geschaffen wird und, so verspricht er, etwas Neues und Einzigartiges werden soll.

Erinnern an den eigenen Klang

Die Musiker, deren Tricks er alle kennt – er war schließlich lange genug Orchestermusiker –, wollen, dass man mit ihnen arbeitet, „wollen geführt werden“. Wenn jetzt einer kommt und sie alles nur runterspielen lässt, sind seine Pittsburgher enttäuscht, sagt er. Und die anderen freuen sich, wenn er kommt. „Danke“, sagen die dann, „dass Sie uns an unseren eigenen Klang erinnern.“

Honeck ist ein Orchestererzieher, einer, der kein Diktator sein will, sondern väterlicher Partner, der Musiker und ihre Ideen gelten lässt – wenn sie besser sind als seine. Und der Wert legt auf die Förderung der individuellen Anlagen und Traditionen eines Klangkörpers. „Wenn alle gleich klingen würden, bräuchte ja kein Orchester mehr auf Tournee zu gehen.“ Und was die Tradition angeht, ist die zwar wichtig, darf aber nicht statisch werden. „Tradition ist etwas Lebendiges. Etwas, das ständig brennen und sich ständig erneuern muss.“

Begonnen hatte alles in Nenzing im vorarlbergischen Gamperdonatal. 6502 Einwohner heute. Sehr katholisch ist es da. Der Vater war ein musikbesessener Briefträger. Geld hatten sie keins. Aber ein Klavier. Barfuß liefen sie durch die Wälder. Neun Kinder. Mittags gab’s gerösteten Grießbrei, gelöffelt aus dem Topf. Eine andere Art Trapp-Familie waren die Honecks. Jeder musste ein Instrument lernen, da legte der Vater Wert drauf. Manfred spielte eigentlich lieber Fußball. Musste aber mit zur Musik. Manfred lernte Zither und Geige. Und er lernte das Üben und die Disziplin.

Als die Mutter starb, die nie weg wollte vom Land und schon gar nicht nach Wien, packte Vater Otto seine Familie und das Wenige, das sie hatten, und zog nach Wien. Acht Leute in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Und alle lernten Musik. Manfred bei einem der Wiener Philharmoniker. Da wuchs er hinein in das ganz spezielle Klangempfinden. Wuchs hinein in eine Klangtradition, die ihn bis heute prägt. Und mit der er bis heute auch die Orchester prägt, mit denen er arbeitet.

Ein sehr hilfreicher Billeteur

Das mit dem Dirigentwerdenwollen lässt sich ungefähr datieren. Es war ein Neujahrskonzert im Musikvereinssaal. Manfred Honeck war – genau weiß er das nicht mehr – so zwölf Jahre alt. Und weil sie spät dran waren, hätte er ganz hinten gestanden auf den Stehplätzen und nichts gesehen. Der Billeteur hatte Erbarmen und holte ihn nach vorn. Und da stand er nun. Und wollte das auch: spielen in diesem Saal. Und Geiger sein in diesem Orchester. Und Dirigent eigentlich auch. „Ein Mensch“, hat er damals gelernt und nie vergessen, „kann durch seine Entscheidung den Lebensweg eines anderen völlig verändern.“

Es gibt, davon ist er überzeugt, dafür war der Billeteur ein Bote, eine Vorsehung. Etwas, das nicht erklärbar ist – und das unsere Wege lenkt. Kann man Gott nennen. Manfred Honeck ist ein gläubiger Mensch. Er versucht, sagt er, jeden Tag in die Messe zu gehen. Gebete sind ihm die beste Reinigung des Herzens, der Seele. Irgendwann ist einem seiner Pittsburgher aufgefallen, dass er vor Konzerten immer betet. Und fragte ihn, ob er mitbeten dürfe. Natürlich durfte er. Manchmal sind da jetzt fünf, manchmal vierzig in der Maestro-Suite und beten. Muslime, Juden, Christen. „Musik“, lautet ein Glaubenssatz von Manfred Honeck, „verbindet alle. Baut Brücken zwischen allen.“

Die Vorsehung war jedenfalls Honecks steter Begleiter. Sie schob ihn nie schnell, aber immer im (auch für ihn) richtigen Moment weiter dahin, wo er am besten aufgehoben ist. Erst war er Substitut bei den zweiten Geigen der Wiener. Unter Karajan hat er gespielt, unter Bernstein und Carlos Kleiber. Von dem hat er sich das meiste abgeschaut. Honeck lernte die Mechanik des Orchesters und von den Besten die Kunst des Orchestererziehens. Dann wurde eine Bratschen-Stelle frei. Ein halbes Jahr hatte Honeck Zeit zur Vorbereitung, aber keine Bratsche. Er lieh sich eine und übte – na ja – wie der Teufel. Bekam die Stelle. 1983 war das. Sein Vater hat das noch erlebt.

Nebenbei lernte er das Dirigieren. Dirigierte immer mehr. Was ihn, sagt er, in ein Dilemma brachte. Orchesterdienst, Kammermusik und Dirigate kamen sich in die Quere. Dann nahm ihn Alexander Pereira zur Seite, der war Chef der Wiener Konzerthausgesellschaft, und fragte ihn, ob er nicht mit ihm nach Zürich an die Oper gehen wolle, als Erster Kapellmeister. Honeck hatte damals drei Kinder (drei kamen später noch dazu) und eine geradezu beamtenhaft lebenslange Traumstelle. Er – gerade mal drei Opern hatte er im Repertoire – zögerte, fragte seine Frau.

Und er fragte Leonard Bernstein. Der nahm sich eine Stunde Zeit. Und dann sagte er am Ende: „Manfred, if you feel that you have to do it, do it. If your heart tells you that. But if you feel, it’s not the right time …“ Und dann kam der Satz, der ihn immer noch unglaublich beschäftigt: „Don’t regret. The next offer will come.“ Bernstein hatte, sagt Honeck, „genau gewusst, dass ich, wenn ich Nein sage, am nächsten Morgen aufwache und es bereue, es nicht getan zu haben. ,Listen to your heart‘, hat Bernstein gesagt. Und mein Herz hat mir ganz klar gesagt, dass ich das machen möchte.“ Gott sei Dank.

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