Ich zahle fast alles mit dem Handy. Ein Griff in die Tasche, ein Piepton – fertig. Apple Pay, Karte, PayPal. Das ist bequem und schnell. Ich gehöre also nicht zu denen, die den digitalen Zahlungsverkehr verteufeln. Und trotzdem bin ich genervt. Denn aus der Freiheit, digital zu bezahlen, wird immer öfter der Zwang, digital bezahlen zu müssen.
Plötzlich hängt da im Café das Schild „Nur Kartenzahlung“. Beim Museum heißt es „Bitte App herunterladen“. Für die Fahrkarte im Bus braucht man ein Smartphone. Und wer keines hat (oder kein Datenvolumen mehr), steht blöd da. Ist das wirklich Fortschritt? Oder vielleicht doch Ausgrenzung?
Es gibt Millionen Menschen, die mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten können oder – gar nicht so selten – nicht wollen. Und nein, es sind nicht nur Senioren. Es gibt tatsächlich Menschen ohne internetfähiges Handy. Menschen, die mit Apps überfordert sind. Menschen, die schlicht kein Konto oder keine Kreditkarte besitzen. Und dann gibt es noch die, die einfach nicht wollen, dass jeder Kaffee digital gespeichert wird. Und wissen Sie was? Das ist ihr gutes Recht.
Und bevor jetzt wieder das Totschlagargument „Geldwäsche“ kommt: Natürlich müssen die Geschäfte von Kriminellen erschwert werden. Aber die ältere Dame, die ihre Medikamente bar bezahlen möchte, ist keine Gefahr für unseren Rechtsstaat.
Für Barzahler wird der Alltag immer komplizierter. Und ehrlich gesagt, finde ich das diskriminierend. Wollen wir wirklich jemanden vom alltäglichen Leben ausschließen, weil er statt Smartphone einen 20-Euro-Schein in der Hand hat?
Die Bürger müssen die Wahl haben
Vorreiter der Weg-mit-dem-Bargeld-Bewegung war immer Schweden. Aber jetzt rudern die mutigen Wikinger zurück: Seit dieser Woche MÜSSEN Lebensmittelgeschäfte und Apotheken dort wieder Bargeld annehmen.
Die Schweden haben sich zuletzt nämlich gefragt: Was passiert eigentlich, wenn das digitale Zahlungssystem komplett ausfällt. Wegen eines technischen Defekts oder einer Cyber-Attacke. Die Antwort: Dann ist der Schwede erledigt. Da helfen Apple Pay und Co. nicht. Da hilft nur die Schweden-Krone. Außerdem wollen die Schweden ausdrücklich verhindern, dass Menschen ausgeschlossen werden, die mit digitalen Bezahlformen nicht zurechtkommen. Vielleicht sollten wir von dieser mutigen Rolle rückwärts lernen.
Damit das klar ist: Wer mit dem Handy oder der Karte zahlen will, soll das tun. Ich kämpfe nicht für das Bargeld (mein persönlicher Rekord ohne einen Euro in der Tasche liegt bei knapp drei Wochen). Ich kämpfe nur dafür, den Leuten die Wahl zu lassen.
Bargeld ist Freiheit
Bargeld ist für viele Deutsche mehr als ein Zahlungsmittel. Es ist Freiheit. Es funktioniert ohne Akku und Internet, auch im Funkloch. Und niemand muss sich mit Münzen und Scheinen im Geldbeutel die Frage stellen, welcher Konzern gerade welche Daten über sein Konsumverhalten sammelt. Das ist nämlich Privatsphäre.
Fortschritt bedeutet nicht, alte Möglichkeiten abzuschaffen. Fortschritt bedeutet, neue Möglichkeiten hinzuzufügen. Eine moderne Gesellschaft muss beides können. Es geht um die Frage, dass Menschen die Wahl haben sollten.
Wahlfreiheit ist etwas, das in einer Demokratie nie verloren gehen darf.