Am Abend vor unserem Treffen ist Eva Umlauf, 83, mit ihrem neuen Buch „Genau so fängt es an“ im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann aufgetreten. Da sei es auch wieder passiert, erzählt sie. Einer der Gäste wollte nach der Lesung nicht nur das Buch signiert haben. „Der Herr hat gefragt, ob ich ihm erlaube, die Nummer zu fotografieren. Das Smartphone hatte er schon gezückt.“ Sie sei dem Wunsch nachgekommen. „Was soll ich diskutieren? Die Leute standen Schlange. Und im Internet ist die Nummer sowieso zu sehen“, sagt Eva Umlauf, abgeklärt und pragmatisch über ihre eigene Rolle.
Wir sitzen im Restaurant einer spanischen Hotelkette an der Berliner Friedrichstraße. Es ist früher Vormittag, das Lokal hat noch geschlossen und ist verwaist, wie geschaffen für ein Gespräch unter vier Augen. Eva Umlauf schaut kurz hinaus auf das Treiben nahe der Spree und macht keinen Hehl daraus, dass sie die Situation am Vorabend taktlos fand. „Was hat er von dem Foto? Sammelt er auch Briefmarken?“ Eine Auschwitz-Nummer als Trophäe fürs Smartphone? Ist das die Rolle, auf die man 81 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus und seiner Mordmaschinerie reduziert wird?
Eva Umlauf ist eine der jüngsten Überlebenden des Holocaust – und seit 2025 amtierende Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees, die erste Frau in dieser Funktion. Welche Aufgaben bringt das Amt mit sich? „Ich bin jetzt das Gesicht der Überlebenden.“ Schon dreimal sei sie beim internationalen „Marsch der Lebenden“ dabei gewesen. Die Strecke vom Stammlager Auschwitz nach Birkenau, drei Kilometer lang, gehe sie noch zu Fuß. Dann halte sie eine Ansprache, mehrheitlich vor österreichischen (jüdischen und nicht jüdischen) Schülern; das Programm werde von der Wiener Organisation Morah gestaltet.
Ihre jüngere Schwester wurde in Auschwitz geboren
Umlauf lebt seit 1967 in München und ist, wie die meisten Holocaust-Überlebenden, nicht schon immer als Zeitzeugin aktiv. Sie wurde es erst im Alter, als sie nach einem erfüllten Berufsleben als Kinderärztin und Psychotherapeutin, nach zwei Ehen, drei Kindern, einer Scheidung und einem Herzinfarkt beschloss, das Schicksal ihrer Familie in einer Autobiografie zu dokumentieren. „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ erschien 2016 bei Hoffmann und Campe. Danach folgten TV-Dokumentationen, Auftritte bei „Markus Lanz“, bei Gedenkveranstaltungen und in Schulen.
Eva Umlauf ist eine zierliche, mit Gespür für Eleganz gekleidete Person. Ihr Deutsch hat einen Akzent. Geboren wurde sie 1942 als Eva Hecht im slowakischen Nováky, einem „Arbeitslager für Juden“, in dem ihre Eltern damals interniert waren, auf Geheiß der damals mit den deutschen Nationalsozialisten kooperierenden Slowakei. Im Herbst 1944 wurde die Familie – die Mutter schon mit Evas jüngerer Schwester schwanger – ins KZ Auschwitz deportiert.
Nach „normalem“ Prozedere hätten sie geringste Überlebenschancen gehabt, denn nicht-arbeitsfähige Kinder und Schwangere wurden an diesem Ort sofort vergast. Doch Glück im Unglück der Hechts führte dazu, dass ihr Deportationszug – einer der letzten nach Auschwitz – das Vernichtungslager wegen Lokschadens erst am 2. November 1944 erreichte. Ab diesem Tag war das Töten mit Zyklon B eingestellt. Die Gaskammern wurden später sogar gesprengt, weil die Nazis ihr Verbrechen vor der heranrückenden Roten Armee und der Welt vertuschen wollten.
Bevor Auschwitz im Januar 1945 befreit wurde, schickten die Befehlshaber alle noch mobilen KZ-Häftlinge auf den „Todesmarsch“, so auch Imrich Hecht, Eva Umlaufs Vater. Erst 2015 erfuhr sie, dass er im österreichischen Melk, einem Außenlager des KZ Mauthausen, zu Tode kam. Mit nur 33 Jahren. Eva und ihre hochschwangere Mutter verblieben bis Juni 1945 in Auschwitz. Hier wurde im April Evas jüngere Schwester Nora geboren. Eva lag als Kleinkind in der Krankenbaracke. Ob sie auch Experimentierobjekt des berüchtigten KZ-Arztes Mengele war, hat sie nie herausfinden können.
Eva Umlauf hat keine eigene Erinnerung an die Zeit im Lager. Wie auch, als Zweijährige? Sie hat nur diese Häftlingsnummer, die ihr auf den linken Unterarm tätowiert wurde. Wahrscheinlich – es gibt Forschungen, die so etwas erfassen – ist sie inzwischen die jüngste Überlebende mit Tätowierung. Die Nummer sieht bei ihr größer und verschwommener aus als bei älteren KZ-Häftlingen. Das hat damit zu tun, dass die Ziffern mit ihr gewachsen und entsprechend aus der Form geraten sind. Unwissende junge Arzthelferinnen hätten sie schon mehrfach gefragt, was sie denn da am Arm habe, erzählt Umlauf, ohne Groll.
Hat sie jemals überlegt, sich die Nummer wegmachen zu lassen? Von der Literaturprofessorin Ruth Klüger (1931–2020) weiß man, dass sie es irgendwann satt hatte, ständig darauf angesprochen zu werden, und Studenten ihr vorwarfen, die Auschwitz-Nummer in kurzärmeligen Sommerkleidern demonstrativ zur Schau zu tragen. „Nein“, sagt Umlauf und räuspert sich. „Die Nummer gehört zu mir. Ich kenne mich ja nur mit dieser Nummer.“ Als Psychoanalytikerin ist sie überzeugt, dass die Nummer bei allen Betroffenen tiefer sitzt als nur in der Haut: „Selbst wenn man sie äußerlich, kosmetisch entfernt, verschwindet sie nicht aus der Identität. Die Tatsache, dass man als Mensch zur Nummer degradiert war und ausgelöscht werden sollte, war das zentrale Anliegen der NS-Vernichtungslogik.“
Wann war sie – und noch während man die Frage stellt, merkt man, wie ungelenk das klingt – das erste Mal freiwillig in Auschwitz, als Besucherin der Gedenkstätte? Das sei in den 1990er-Jahren gewesen, ihr jüngster Sohn Julian, Jahrgang 1985, sei dabei gewesen, erinnert sie sich. „Wir haben eine Kerze angezündet, und ich habe ihm erklärt, was hier war und dass wir hier waren.“
Wie unterschiedlich der Umgang der Generationen mit der Schoah ausfällt, lässt sich in Eva Umlaufs Familie beispielhaft nachvollziehen. Ihre Mutter Agnes sei nie mehr „dort“ gewesen. „Sie hatte 1965, zum 20. Jahrestag der Befreiung, eine Einladung erhalten. Damals lebten wir noch in der Slowakei. Doch sie hatte sich geschworen, diesen Ort nie wieder zu betreten.“ Im Alter habe ihre Mutter schwere Depressionen bekommen. „Als wir einmal ein deutsches Altersheim für sie besichtigten, sagte sie: ‚Du willst doch nicht, dass ich unter Mördern lebe.‘ Sie hat ihre Auschwitz-Erlebnisse nie aufgearbeitet, wir haben sie auch kaum danach befragt, weil es sie belastete.“
Wie in vielen Familien mit Holocaust-Geschichte wurde über das Grauen jahrzehntelang quasi nicht gesprochen. Umlauf bringt ihren persönlichen Modus auf die Formel: „Damit leben, aber nicht daran kaputtgehen“. Sie, die als Kinderärztin in den 1980er-Jahren eine Zusatzausbildung zur Psychotherapeutin machte, lernte durch ihren Beruf, dass eine tiefe Befassung mit der „Gefühlserbschaft“ von Auschwitz vonnöten ist. Der Begriff stamme von Freud. „Ich bin da vielleicht etwas altmodisch, als Freudianerin.“ Doch da stecke viel drin. „Man nimmt seine Herkunft und die damit verknüpften Erfahrungen und Gefühle mit durchs Leben. Sie beeinflussen das eigene Wesen.“
Die Zukunft der Erinnerung, wenn die Zeitzeugen aussterben, könne keiner voraussagen. „Ich weiß nicht, ob ich mir selbst als Hologramm gefalle. Ich bin das nicht“, sagt Eva Umlauf mit Blick auf die Praxis, Zeitzeugen mit modernen Techniken für die Zukunft zu erhalten.
In die Schulen gehe sie, weil sie vermitteln will, wofür ihr Schicksal exemplarisch stehe. In welchem Ausmaß junge Leute heute rechts wählen, erschüttere sie, sagt Eva Umlauf, die ihr aktuelles Buch „Genau so fängt es an“ als Weckruf verstanden wissen will. Gerade als Jüdin könne sie nicht anders, als der AfD mit Vorbehalten zu begegnen. Dass eine Partei, die ständig mit Feindbildern hausiere, sich betont israel- und judenfreundlich gebe, dass es sogar eine Gruppe „Juden in der AfD“ gebe, halte sie, Umlauf, für verlogen. „Wann immer in der Geschichte es zu Krisen kam, waren die Juden schuld.“
Auf die Frage, ob sie als Jüdin ein gutes Leben in Deutschland hatte, antwortet sie lakonisch: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Wie in einer Ehe.“ Sie lacht, kurz und herzhaft. Doch eigentlich sei ihr seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr zum Lachen zumute. Sie mache sich Sorgen, wie offen der Antisemitismus wieder grassiere. „Judenhass ist die neue Normalität in Deutschland“, sagt Eva Umlauf und macht sich keine Illusionen. Für sie ist die Sache klar. „Israel ist das Reizthema der Deutschen.“ Die Deutschen seien versessen darauf, dem Judenstaat einen Genozid an den Palästinensern nachzusagen. Am Ende wirke das wie eine lang ersehnte Täter-Opfer-Umkehr nach 80 Jahren. Es sei erschreckend, wie Juden und Israelis, die nicht Repräsentanten der israelischen Regierung seien, boykottiert und angefeindet würden.
„Wir Juden haben wieder Angst in Deutschland“, sagt Umlauf zum Schluss, und man wünscht ihr und diesem Land, dass es von seinem selbst- und geschichtsbewussten „Nie wieder“ endlich auch etwas Empathie für die Gegenwart der jüdischen Mitbürger abzweigt.
Eva Umlauf ist die amtierende Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees. Am 19. Dezember 1942 wurde sie als Eva Hecht in Nováky in der Slowakei in einem „Arbeitslager für Juden“ geboren. Auschwitz überlebte sie als Zweijährige. Später machte sie im slowakischen Trencin Abitur, studierte Medizin in Bratislava und heiratete den polnischen Shoah-Überlebenden Jakob Sultanik. Die Familie zog 1967 nach München. Nach dem Unfalltod des Mannes heiratete sie 1973 neu, heißt seitdem Eva Umlauf und bekam, neben dem Sohn aus erster Ehe, zwei weitere Söhne. Umlauf war Kinderärztin, als Psychotherapeutin praktiziert sie bis heute. Außerdem tritt sie in Schulen auf und hat zwei Bücher veröffentlicht: „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ (2016) und „Genau so fängt es an“ (2026), beide bei Hoffmann und Campe erschienen.