Kultur

Zehn Schlüsseltexte, um die USA zu verstehen

Zehn Schlüsseltexte, um die USA zu verstehen

Am 4. Juli 2026 jährte sich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung zum 250. Mal. In ihr steht der vielleicht kühnste Nebensatz der Neuzeit: das Recht auf „life, liberty and the pursuit of happiness“ – das Glück nicht als Besitz, sondern als immerwährende Jagd ohne Gewähr. Die folgenden zehn Streiflichter basieren auf einer fulminanten Text-Jukebox des amerikanischen Schrifttums, „I Have a Dream“.

Die Herausgeber Horst Lauinger und Stefan Wagner schreiben von ihrem Unterfangen, die amerikanische Literaturgeschichte in ein annähernd 1000-seitiges Buch zu bannen: Es ähnele dem Vorhaben, den Mississippi River in ein Whiskyglas füllen zu wollen. So bezeichnen sie ihre Auswahl mit rund 250 Beiträgen lieber als einen Roadtrip in Texten. Man könnte auch sagen, es ist der denkbar schönste Reader für Einsteiger in American Studies geworden.

1. Charles Brockden Brown (1771–1810): „Porträt eines Emigranten. Auszug aus einem Brief“

Heute fast vergessen, war Charles Brockden Brown um 1800 der erste Berufsschriftsteller Amerikas – und der Mann, der dem jungen Land das Fürchten beibrachte. Während Washington Irving die heitere, folkloristische Seite besorgte, erfand Brown den amerikanischen Albtraum, in Romanen wie „Wieland“, in dem ein Mann Stimmen hört und im Wahn die eigene Familie auslöscht. Schlafwandeln, religiöser Fanatismus, die Fragilität der Vernunft – seine Themen ließen schon ahnen, dass hinter der Zuversicht der Gründerjahre die Dunkelheit lauert. Poe, Hawthorne, Melville sind bei ihm in die Schule gegangen; man darf ihn getrost den Urahn auch von Stephen King nennen.

Bei Browns Brief handelt es sich um eine hübsche Milieustudie: Zu Besuch bei einer Mrs. K. erfährt er von deren neuen Nachbarn – ein vornehmer Franzose, seine Frau, eine Erbin aus Santo Domingo, deren Vermögen die Revolution restlos verschluckt hat, dazu ein Waisenkind. Sie haben alles verloren und leben wie die Grillen. Geputzt wird nie, dafür immerzu Gitarre gespielt. Der Wein steht schon morgens auf dem Tisch. Drei Stunden arbeitet er, zwischen zwölf und drei; sie putzt sich heraus und flaniert. Man wartet auf das Urteil des Moralisten – es kommt nicht. Der Chronist des Grauens steht staunend vor diesem leichtsinnigen Glück, das auf dem Boden des Ruins blüht. Die Franzosen, notiert er fast neidisch, seien die Einzigen, die zu leben verstünden.

2. Walt Whitman (1819–1892): „An eine Lokomotive im Winter“

Lange vor jeder Klimadebatte, als der Atem der Zukunft noch Dampf und Qualm war, dichtete Walt Whitman eine wuchtige Ode an den ungestüm voranstürmenden Stahl. Seine „Lokomotive im Winter“ ist kein bloßes Transportmittel, sondern die schnaubende Inkarnation des noch jungen Amerikas im 19. Jahrhundert. Wenn er ihr goldenes Messing, die wuchtigen Kolbenstangen und das „zitternde Blitzen der Räder“ besingt, feiert er die unaufhaltsame Dynamik einer ganzen Nation. Er misst an ihr den „Pulsschlag des Kontinents“ – ein raues, schönes Bild für den unbändigen Ausdehnungswillen, der bekanntlich auch seine bitterbösen Seiten hatte.

Der Dichter ist allerdings verknallt und himmelt die stampfende Urgewalt als „wildkehlige Schöne“ an. In ihrem Sirenengesang klingt schon jener Mythos an, den das Kino ein Jahrhundert später visuell verewigen sollte, in der majestätischen Wucht der Eisenbahn in Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Whitman sieht in der Maschine das „Inbild des Modernen“ schlechthin, ein „Sinnbild von Kraft und Bewegung“. Sie gleicht einer Naturgewalt, sich selbst genug und „die eigene Spur unbeirrt haltend“. In selbst rhythmisch rotierenden Versen bannt Whitman jene grenzenlose Energie, die den Traum eines Kontinents einst auf die Schienen setzte – „durch Stille und Sturm, stetig voran“.

3. Catharine E. Beecher (1800–1878) & Harriet Beecher Stowe (1811–1896): „Frühaufstehen – eine demokratische Tugend“

Es gibt Ratschläge, so banal, dass nur ein wahrhaft amerikanisches Sendungsbewusstsein sie zur Staatsangelegenheit erheben kann. Die Schwestern Beecher – die eine Reformpädagogin, die andere als Verfasserin von „Onkel Toms Hütte“ zu Weltruhm gelangt – nehmen sich des frühen Aufstehens an und erklären es, allen Ernstes, zur „demokratischen Tugend“. Wer spät aus den Federn komme, ahme die Aristokratie nach, die in London gegen Mittag frühstückt und nachts ins Parlament zieht; wer hingegen den frühen Vogel fange, diene der Republik, dem Christentum und der Volksgesundheit, dazu „der Pünktlichkeit, Tatkraft, Zeitersparnis und allgemeiner Leistungsfähigkeit“.

Man liest den Traktat mit wachsender Erheiterung – und denkt unweigerlich an jenes französische Paar von eben aus Charles Brockden Browns Brief: ruiniert, ungewaschen, schon am Morgen betüdelt – und ganz und gar glücklich. Genau solche Lebensentwürfe zerren die Beechers vor ihr Tribunal. Wo der Schauerdichter den Hut zog vor so viel leichtsinniger Lebenskunst, wittern die frommen Schwestern eine „selbstsüchtige Praxis“, einen Diebstahl am Gemeinwesen. So klingt Amerika, wenn es mit sich selbst über das richtige Leben streitet: einmal als Lob des süßen Nichtstuns, einmal als Hymne an den Wecker.

4. Mark Twain (1835–1910): „Die Wahrheit in Sachen des großen Rindfleischkontrakts“

Mark Twain mag der Ehrentitel des lustigsten Schriftstellers aller Zeiten gebühren. Wer’s nicht glaubt, der lese „Die schreckliche deutsche Sprache“ über seinen Versuch, sich bei einem Besuch in Heidelberg die hiesige Zunge anzueignen. Oder auch den im Titel genannten Text, eine atemlose Bürokratieposse, die einen lehrt, dass Amerika keine Zeit verlor, einen ordentlichen Beamtenapparat aufzubauen.

Vorgeblich geht es um das Testament eines gewissen John Wilson Mackenzie, der einst General Sherman hinterherreiste, im vergeblichen Bemühen, ihm 30 Fässer Rindfleisch auszuhändigen. Nach einer Odyssee, die Homer gefesselt hätte, die den armen Mackenzie unter anderem nach Beirut führte, verstarb er, nur sechs Kilometer von Shermans Lager entfernt – Stichwort Indianer, Tomahawk, Skalpierung.

Nun geht das Testament durch allerlei Hände, nachdem Mackenzies Sohn eine kleine Rechnung an die Regierung gestellt hat: 30 Fass Rindfleisch à 100 Dollar gleich 3.000 Dollar plus Reise- und Transportkosten in Höhe von 14.000 Dollar. Macht nach Adam Riese 17.000 Dollar. Leider liegt kein Segen auf dem Dokument. Wem immer es zufliegt, der scheidet dahin. „Der Tod machte seine Forderung geltend“, schreibt Twain. Der Autor selbst erbt das verfluchte Ding. Wochenlang geht er allerlei Ministern auf die Nerven. Schließlich schenkt er es aus Rache einem unfähigen Beamten. Dreimal dürfen Sie raten, was dem blüht.

5. John Muir (1838–1914): „Die Großen Bäume“

Es gibt Liebende, die ihren Gegenstand vermessen, und solche, die ihn besingen – Muir tut beides im selben Atemzug. Der schottische Einwanderer und Autodidakt, Vater der Nationalparks und Gründer des Sierra Club, geistiger Ziehsohn von Emerson und Thoreau, hat dem amerikanischen Nature Writing die Muskeln gegeben: Wo der Einsiedler von Walden über den Menschen in der Natur nachsann, stapft Muir in die Wildnis selbst.

In „Die Großen Bäume“ tritt er vor die Mammutbäume der Sierra wie vor gekrönte Häupter – „der König der Nadelbäume dieser Welt und der Edelste unter den edlen Arten“. Es entspinnt sich das Wunder einer Prosa, die Botanikerin und Dichterin zugleich ist. Mit dem Beil trägt Muir die verkohlte Rinde eines Giganten ab, zählt unter der Lupe viertausend Jahresringe und hält nüchtern fest, der Baum habe „zu Beginn unserer Zeitrechnung im Zenit seines Lebens“ gestanden.

Im nächsten Satz wiegt sich ein junger Sequoia „leicht wie der Schwanz eines Eichhörnchens im Wind“. Die Greise grüßen morgens als Erste die Sonne, entbieten ihr abends als Letzte den Gruß und stehen neben ihren kurzgeratenen Nachbarn „wie Mastodonten unter den heimischen Bären und Hirschen“. Die schlanke, biegsame Sprache schmiegt sich an jede Wölbung des Stamms. Nur einmal verfinstert sie sich, ganz beiläufig: Einen jener Tausendjährigen, notiert Muir lakonisch, habe man im Calaveras Grove gefällt, „um seinen Stumpf als Tanzfläche zu nutzen“.

6. William Faulkner (1897–1962): „Fünfundzwanzig Dollar“ (Auszug aus „Schall und Wahn“)

„Schall und Wahn“ – im Original „The Sound and the Fury“ (1929) – ist Faulkners Durchbruch, und die Südstaaten-Tragödie schlechthin. Eine Erzählerstimme gehört Quentin Compson, besessen von der verlorenen Unschuld seiner Schwester Caddy – eine fatale Mischung aus Schuld und einem unausgesprochenen Inzestwunsch. Faulkner kleidet die psychologische Höllenfahrt in einen radikalen Bewusstseinsstrom: Gegenwart und Vergangenheit verfließen, Sätze zersplittern, die Chronologie löst sich auf – ein „Ulysses“ für die Neue Welt.

Die kleine Szene im Buch spielt an Quentins letztem Tag. Morgens reißt er von seiner Uhr die Zeiger ab – die Zeit soll innehalten; abends wird er, mit Bügeleisen beschwert, ins Wasser gehen. Dazwischen blitzt eine unerwartete, fast komische Pastorale auf: Drei Jungen streiten am Bach, während eine uralte Forelle reglos in der Strömung steht. Sie symbolisiert Quentin selbst: das stillgestellte Begehren, die Zeit, die er anhalten will und die ihn doch unweigerlich davonträgt.

7. Amelia Earhart (1897–1937): „Wozu Frauen fähig sind“

Im Jahre 1936 ist Amelia Earhart die berühmteste Pilotin der Welt: 1932 überquert sie als erste Frau allein den Atlantik, 1935 als erster Mensch den Pazifik von Hawaii nach Kalifornien. Nun plant sie das Größte – die Erde entlang des Äquators in einer zweimotorigen Lockheed Electra zu umrunden. Dieser Brief gehört zur Startvorbereitung: Earhart bittet den Präsidenten, ihr die Navy zur Seite zu stellen, konkret für eine Luftbetankung über der winzigen Pazifikinsel Midway. Nur so ließe sich der Sprung von 3900 Meilen zwischen Honolulu und Tokio schaffen, ohne die Maschine beim Start lebensgefährlich zu überladen.

Man könnte dieses Schreiben auf die angenehmste Weise abgehoben nennen: Es ist höflich, nüchtern und getragen von dem leisen Selbstbewusstsein einer Frau, die genau weiß, dass ihr technisches Anliegen zugleich ein politisches ist. Am Ende schreibt sie, sie unternehme den Flug nur, „weil ich der Überzeugung bin, dass Frauen ab und zu zeigen müssen, wozu Frauen fähig sind“.

Wie sich zeigt, war auch der Absturz bis dato ein männliches Vorrecht: Acht Monate später, im Juli 1937, verschwindet Earhart mit ihrem Navigator kurz vor der Howland-Insel spurlos. 1939 wird sie für tot erklärt. So gerät der Brief, in dem sie die Mittel für ihren Beweis der Parität der Geschlechter unter demselben Himmel einwirbt, unfreiwillig zum Vorwort ihres Verschwindens.

8. Billie Holiday (1915–1959): „Strange Fruit“

Billie Holiday, 1939, am Ende ihres Auftritts im Café Society, New Yorks erstem Nachtclub mit gemischtem Publikum. Das Lied kommt stets zuletzt, die Kellner stellen den Service ein, der Saal verdunkelt sich, bis auf einen kleinen Spot. Sie singt von einer seltsamen Frucht, die an den Bäumen des Südens hängt. Wenn sie endet, erlischt das Licht – keine Zugabe. Dem Publikum bleibt der erlösende Applaus verwehrt. So wurde „Strange Fruit“ zu dem Lied, mit dem ihr Name für immer verbunden ist.

Geschrieben hat es ein anderer, auch wenn auf den Platten oft „Billie Holiday und Lewis Allan“ steht – Lewis Allan war das Pseudonym von Abel Meeropol, jüdischer Lehrer und Gewerkschaftler aus der Bronx. Holiday hat den Song nur interpretiert. Angestoßen hatte ihn die Fotografie eines Lynchmords, wie sie im Süden als Postkarte zirkulierte.

Vordergründig geht es um eine Ernte: Bäume, die eine Frucht tragen. Dann kippt das Bild – Blut an den Blättern, ein Körper an der Pappel. Die „seltsame Frucht“ ist der Leichnam eines ermordeten Schwarzen. Magnolienduft und der Geruch verbrannten Fleisches stehen in derselben Strophe. Weil Columbia sich nicht traute, erschien der Song beim kleinen Label Commodore. Über Jahrzehnte scheiterten derweil Anti-Lynch-Gesetze im Senat. „Time“ kürte „Strange Fruit“ später zum Lied des Jahrhunderts.

9. Truman Capote (1924–1984): „Ein Licht im Fenster“

Truman Capote war in den 1960er Jahren der wohl berühmteste Schriftsteller Amerikas: „Breakfast at Tiffany’s“, dann „In Cold Blood“, die Erfindung der „nonfiction novel“, der Reportage mit den Mitteln des Romans. Ein Salonlöwe, der seine reichen Freundinnen, die „swans“, später in einem indiskreten Buch verriet und dafür verstoßen wurde. „A Lamp in a Window“ stammt aus der Zeit danach, aus „Music for Chameleons“ (1980), seinem letzten Buch, geschrieben im Niedergang aus Alkohol und Tabletten – kurze, kühle Prosastücke, mit denen der Abgestürzte sich das Schreiben gleichsam neu beibrachte.

Die Geschichte ist eine Schauer-Miniatur in Reinform. Capote, nachts auf einer Landstraße gestrandet, klopft an die einzig helle Hütte. Eine alte Frau, Mrs. Kelly, öffnet, nimmt ihn ohne Zögern auf und flößt ihm den Whiskey ihres verstorbenen Mannes ein. Eine Güte, die den Erzähler beschämt – er gesteht sich ein, dass er, umgekehrt, kaum den Mut zu solcher Gastfreundschaft gehabt hätte. – Am Morgen ein Blick in die Tiefkühltruhe in der Küche, darin, gestapelt und tadellos konserviert, Dutzende toter Katzen. „Alles meine Freunde, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.“

Capote bietet seine ganze Kunst des „Southern Gothic“ auf. Aufgewachsen in Louisiana und Alabama, wusste er immer, dass der Horror nicht im Keller wohnt, sondern in der guten Stube. Eines Urteils enthält er sich. Ob dies nun eine wahre Begebenheit war oder nicht, bleibt offen. Wie so oft, macht Capote Reportage und Erfindung ununterscheidbar. So überdauert seine Geschichte, wie ihr grausiger Gegenstand, alle Zeit.

10. Lauren Groff (geboren 1978): „Geister und Leerstände“

Lauren Groff, heute eine der gefeiertsten Erzählerinnen Amerikas, lebt seit Jahren in Gainesville, Florida – und dorthin führt diese Geschichte, die Eröffnung ihres Bandes „Florida“. Ihre namenlose Erzählerin, Mutter zweier Söhne, ist, wie sie schon im ersten Satz bekennt, „eine Frau geworden, die herumschreit“. Darum schnürt sie abends die Laufschuhe und dreht Runde um Runde durchs Viertel; das Gehen soll den Zorn austreiben, den die Lektüre über die Katastrophen der Welt in ihr nährt.

Auf diesen Runden liest sie, aber bloß die Topografie ihres Wohnorts – erleuchtete Fenster, kleine Aquarien, in denen je ein fremdes Leben schwimmt. Da ist die hochgewachsene Frau mit der Deutschen Dogge, das joggende Paar, die Nonnen, die ein Haus herrichten. Zwischendrin dunkle Scheiben, die „Leerstände“ des Titels, zwangsgeräumt und „aufgewertet“, und die „Geister“, die Obdachlosen an der Bo Diddley Plaza. Es sind Abendspaziergänge im Gegenlicht des amerikanischen Glücksversprechens.

Horst Lauinger, Stefan Wagner (Hg.): I Have a Dream. Manesse, 960 Seiten, 40 Euro

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