Es ist ein historischer Abend. Das Schauspiel Köln verlässt seine Interimsspielstätte und kehrt im Herbst in das renovierte Haupthaus am Offenbachplatz zurück – nach ganzen 14 Jahren!
Eigentlich sollten die Bauarbeiten nur drei Jahre dauern und auch nur einen Bruchteil der jetzt insgesamt 1,5 Milliarden Euro kosten. Doch weil sich die Sanierung wegen grober Planungsfehler zum Berliner Flughafen oder Stuttgarter Hauptbahnhof der deutschen Theaterbauten entwickelte, richtete sich das Theater in einem ehemaligen Fabrikgelände auf der anderen Rheinseite in Köln-Mülheim heimisch ein, als hätte man nie woanders gespielt. Trotz schlechter Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewies das Publikum unendliche Geduld und zog mit. Mit der letzten Vorstellung im sogenannten Depot endet eine Ära im Wartezustand mit einem künstlerischen Ereignis.
Es ist nämlich auch deswegen ein historischer Abend, weil der neue Kölner Intendant Kay Voges (öffentlich bekannt vor allem, weil er Digitalexperimente und das Medien-Start-up „Correctiv“ im Theater salonfähig gemacht hat) in seiner ersten Spielzeit einen lange vergessenen Ausnahmeroman auf die Bühne bringen lässt, den man sich unbedingt merken sollte: „Vergeltung“ des 1999 verstorbenen Schriftstellers Gert Ledig. Regisseur Sebastian Baumgarten hat aus dem schonungslosen Bericht über einen alliierten Bombenangriff auf eine deutsche Großstadt im Sommer 1944 ein Live-Hörspiel gemacht, wie es das Theater bisher nicht kannte. Wer im Drohnenzeitalter verstehen will, was Luftkrieg wirklich heißt, muss „Vergeltung“ gesehen oder vielmehr gehört und erlebt haben.
Zu sehen gibt es in den knapp zwei Stunden meist nur ein paar rote Lampen und eingeblendete Figurenangaben, die den vollständig verdunkelten Saal in eine unheimliche Stimmung versetzen. Den Theatersaal zu verdunkeln, passt allein wegen des 1944 alltäglichen Befehls zur Verdunkelung als Schutz vor Bombenangriffen („Der Feind sieht dein Licht!“) zum verhandelten Thema.
Es passt auch, weil der Roman viel in klaustrophobischen und engen Räumen wie Bunkern, Luftschutzkellern, Geschützständen, Bombercockpits oder Krankenlagern spielt. Außerdem lässt die Dunkelheit den Text mit der Collage aus Geräuschen und Musik noch eindrucksvoller wirken und schützt vor plumper Bebilderung des Horrors, was Baumgarten geschickt umgeht. So erwischt einen jede Zeile wie ein aus der Finsternis abgefeuertes Geschoss.
„Vergeltung“ ist schlicht bombastisch. Die Inszenierung verbindet ästhetische Präzision und formale Konsequenz zu einem bahnbrechenden und grenzsprengenden Theaterereignis und haut einen um wie die Druckwelle einer Explosion, um bei der ballistischen Metaphorik zu bleiben. Dass dieser Abend aus dem Einerlei des deutschen Stadttheaters weit herausragt, hat auch mit der großartigen Vorlage zu tun. Ledigs 1956 erschienener Roman ist sprachlich und stilistisch avancierter als die dagegen behutsam wirkende Erbauungs- und Besinnungsliteratur von Günter Grass, Heinrich Böll oder der „Gruppe 47“.
Bei Ledig wird die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs nicht mit den Weihen einer angeblich metaphysischen Prüfung versehen. Wo bei Ledig religiöse Motive auftauchen, werden sie von der Kriegsmaschinerie zermalmt. Seine klaren und kurzen Sätze beschreiben das Unglück ohne Kitsch oder Ornament. Etwas Ähnliches findet man vielleicht nur noch bei „Der Untergang“ von Hans Erich Nossak oder „Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945“ des kürzlich verstorbenen Alexander Kluge.
Wie konnte Ledig nur so sehr in Vergessenheit geraten, dass selbst der Schriftsteller W.G. Sebald in seiner berühmten, 1997 gehaltenen Zürcher Poetikvorlesung „Luftkrieg und Literatur“ nichts von „Vergeltung“ wusste? Dieser Fauxpas konnte immerhin schnell behoben werden: In der für den Druck überarbeiteten Fassung wird Ledigs Roman von Sebald lobend erwähnt und auch der Suhrkamp-Verlag konnte sich kurz darauf endlich zu einer Neuauflage durchringen, die heute allerdings schon wieder vergriffen ist.
Nachdem sein Roman schon bei der zeitgenössischen Kritik durchgefallen war, schrieb Ledig frustriert an seinen Verlag, dass das Buch so oder so seinen Weg machen werde. „Zumindest ist eine Neuauflage nach dem Dritten Weltkrieg gesichert.“ Die Kölner Inszenierung lässt hoffen, dass es vielleicht sogar vorher noch etwas werden könnte.
Die Saat des Schweigens
Den Brückenschlag zur Gegenwart wagt Baumgarten, indem er die verdunkelte Szenerie immer wieder für ein paar Momente aufblendet. Dann sieht man rätselhafte Bilder aus einem U-Bahn-Schacht oder gefilmte Szenen von Kölner Straßen und Plätzen, die mit ihren Nachkriegsfassaden nur noch entfernt an die Bombennächte von vor über 80 Jahren erinnern. Baumgarten, Kostümbildnerin Tabea Braun, die Bühnenbildner Joep van Lieshout und Christian Mayer und das Ensemble begeben sich auf die Spur einer vergessenen und verdrängten Geschichte, die am Ende wie eine Zombiehorde in zerrissenen Uniformen aus den Tunneln der Vergangenheit hervorkriecht.
Baumgarten folgt an diesem Abend Sebalds These, dass das Schweigen über die Verheerungen des Luftkriegs in Deutschland zu der emotionalen Deformation geführt hat, die das ganze Ausmaß des selbst entfesselten Krieges niemals wirklich realisiert hat. Mit fatalen Folgen bis heute, bis hin zur neu ausgerufenen „Kriegstüchtigkeit“.
„Vergeltung“ ist ein weiterer Beweis, dass das deutsche Theater in dieser Spielzeit das Thema Krieg mit beeindruckenden Inszenierungen auf die Bühne bringt. Wo Mateja Koležniks gefeierte Inszenierung von Tschechows „Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble aufhört, nämlich mit dem ersten Bombeneinschlag, fängt Baumgartens „Vergeltung“ erst an, während die im Alltag angesiedelte Vorgeschichte mit „Irgendetwas ist passiert“ als beklemmendes Solo von Fabian Hinrichs an der Berliner Volksbühne gespielt wird.
Nun kann man nur hoffen, dass das Schauspiel Köln mit der langersehnten Rückkehr in das renovierte Haus am Offenbachplatz auch einen genialen Abend wie „Vergeltung“ aus Mülheim über den Rhein mitnimmt und in der kommenden Saison wieder auf den Spielplan setzt. Sonst wäre dieser historisch zu nennende Theaterabend aufgrund ärgerlicher Bauwirrnisse schneller verschwunden, als seine wirkliche Bedeutung begriffen worden wäre.