Saporischschja (Ukraine)/Moskau (Russland) – Eine Drohne. Ein toter Mann. Und ein Atomkraftwerk, das ganz Europa in Atem hält. Der Chefingenieur des AKW Saporischschja ist tot – die Schuldfrage ist politischer Sprengstoff. Russland wirft der ukrainischen Armee vor, Alexander Jakowlew „gezielt“ getötet zu haben. Er sei Opfer eines Drohnenangriffs geworden, erklärt der russische Atomkonzern Rosatom, der das Kraftwerk beaufsichtigt. Es handle sich um einen „gezielten Terroranschlag des Kiewer Regimes“.
Jakowlew und sein Fahrer wurden den russischen Angaben zufolge getötet. „Eine Drohne der ukrainischen Streitkräfte“ habe ein Dienstfahrzeug in der Nähe des Kraftwerks getroffen. Jakowlew habe „sein ganzes Leben der Kernenergie gewidmet und sei gewissermaßen an seinem Gefechtsposten gestorben“, sagt Rosatom-Chef Alexej Lichatschow (63).
Eine Stellungnahme der Ukraine liegt zunächst nicht vor. Auf den Telegram-Kanälen des Kraftwerks und auch von Rosatom war Jakowlew nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP zuvor nie erwähnt worden.
Jakowlew war Ukrainer und wechselte die Seiten
Laut ukrainischen Medien wurde Jakowlew in der Ukraine geboren und arbeitete bereits vor der russischen Invasion und Besetzung des Kraftwerks in Saporischschja. Nachdem Putins Militär die Atomanlage eingenommen habe, soll Jakowlew freiwillig mit dem Feind kollaboriert – und sogar einen russischen Pass bekommen haben. Demnach unterzeichnete er einen Vertrag mit Rosatom.
Der Vorwurf der Ukrainer: Jakowlew habe dabei geholfen, das AKW als politisches sowie militärisches Druckmittel einzusetzen. Dazu sei er an terroristischen Aktionen gegen die Ukraine beteiligt gewesen.
Russen besetzen AKW Saporischschja seit vier Jahren
Das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja ist das größte Europas. Es befindet sich seit März 2022 in russischer Hand und liegt nahe der Front. Die sechs Reaktoren sind abgeschaltet, die Anlage benötigt jedoch weiter Elektrizität für ihre Kühl- und Sicherheitssysteme. Seit Beginn der russischen Offensive in der Ukraine im Februar 2022 haben sich beide Seiten wiederholt vorgeworfen, mit Angriffen auf das Kraftwerk eine Atomkatastrophe zu riskieren.