Wirtschaft

Der Iran-Krieg bringt Putin Extra-Milliarden – die Ukraine nimmt sie ihm wieder

Der Iran-Krieg bringt Putin Extra-Milliarden – die Ukraine nimmt sie ihm wieder

Schon schießen die Ölpreise wieder hoch. Weil die militärischen Handlungen zwischen Iran und USA in der Nacht zum Mittwoch wieder aufgeflammt waren und nun schon die vierte Angriffswelle der USA stattgefunden hatte, legte der Preis für ein Barrel (150 Liter) der europäischen Referenzsorte Brent am Montagfrüh um 4,46 Prozent auf 79,40 Dollar zu. Und während hierzulande die Verbraucher einen abermaligen Anstieg der Inflation befürchten, sieht Russland die Entwicklung bereits wieder mit Genugtuung und hofft insgeheim auf eine weitere Sonderkonjunktur. Schließlich hat der Iran-Krieg in seiner Hochphase zwischen Anfang März und Mitte Juni, als Brent zeitweise sogar etwas mehr als 126 Dollar gekostet hat, dem Land eine solche Sonderkonjunktur beschert. Und mittlerweile ist auch ziemlich klar, was sie Russland wirklich gebracht hat.

Neue Studie zeigt das Ausmaß der Sonderkonjunktur

Wie die Brüsseler Wirtschafts-Denkfabrik Bruegel dieser Tage auf Grundlage der Daten des russischen Finanzministeriums vorrechnete, haben sich die zusätzlichen Öl- und Gaseinnahmen des russischen Staatshaushalts infolge des Iran-Kriegs und der Sperre der Meerenge von Hormuz auf insgesamt 1,18 Billionen Rubel (etwa 13,5 Milliarden Euro) belaufen. Bruegel hat die Einnahmen von März bis Juni mit denen der ersten beiden Monate des Jahres, also der Zeit vor Kriegsbeginn, verglichen. Die Übergewinne, so Bruegel, entsprechen demnach etwa 0,5 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts.

„Die Einschätzung ist fundiert“, erklärt Sergej Vakulenko, langjähriger Ölmanager in Russland sowie im Westen und seit 2022 Senior Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin, auf Anfrage von WELT: „Dem ist von meiner Seite nicht viel hinzuzufügen.“

Starke Dynamik prägte die Ölpreise

Der Brent-Preis, vor dem Iran-Krieg noch bei 69 Dollar, war zwischen März und Mai durchgehend auf über 100 Dollar geblieben. Noch augenfälliger war die Dynamik bei der wichtigsten russischen Ölsorte Urals. Sie, die vor dem Krieg aufgrund der westlichen Sanktionen noch mit Preisabschlägen von zehn bis 14 Dollar gegenüber Brent gehandelt worden war, wurde im April plötzlich sogar für 125 Dollar gehandelt und zeitweise sogar teurer als Brent. Erst Mitte Mai kehrte ein kleiner Preisabschlag zurück. Und nachdem das Deeskalationsabkommen zwischen USA und Iran Mitte Juni vereinbart worden war, sackten nicht nur beide Preise ab, sondern Urals wurde plötzlich wieder mit einem Abstand von über 20 Dollar gegenüber Brent gehandelt.

Sonderkonjunktur kann nicht alle Schwächen kompensieren

Die Sonderkonjunktur war demnach von kurzer Dauer. Und sie ist auch insofern relativ, als sie die schwachen Ölexporte in den Vorkriegsmonaten nicht aufwiegen konnte. Wie Bruegel vorrechnet, haben Russlands Staatseinnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf im ersten Halbjahr 2026 insgesamt nur 3,67 Billionen Rubel betragen, während sie sich im selben Zeitraum 2025 durch den damals höheren Durchschnittspreis noch auf 4,73 Billionen belaufen hatten.

„Von diesem Blickwinkel aus können die zusätzlichen Einnahmen Russlands aus dem Verkauf von Öl und Gas von März bis Juni 2026 als vorübergehende Umkehrung ihres langfristig rückläufigen Trends betrachtet werden“, schreibt Bruegel. „Russland hat durch die höheren Ölpreise einen gewissen finanzpolitischen Spielraum gewonnen, der jedoch nicht ausreicht, um die durch den Krieg in der Ukraine verursachten Haushaltsprobleme vollständig auszugleichen“.

Das Haushaltsproblem ist größer als erwartet

Das Haushaltsproblem ist in der Tat größer als noch vor Monaten vermutet. Russlands Haushalt wies in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres ein Defizit von bereits sechs Billionen Rubel (77 Milliarden Dollar) bzw. 2,6 Prozent des BIP auf. „Das Haushaltsdefizit wird in diesem Jahr das Ziel von 1,6 Prozent des BIP deutlich überschreiten“, schreibt daher auch das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in seiner neuen Prognose und führt als Grund unter anderem die weiter steigenden Verteidigungsausgaben an.

Was die Einnahmeseite betrifft, so ist die Situation nun wieder komplizierter geworden. Zwar machen die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor im Unterschied zu früher inzwischen nur noch gut ein Fünftel aller Haushaltseinnahmen aus. Doch durch die ukrainischen Angriffe auf russische Ölanlagen, insbesondere Raffinerien, wird die gesamte Haushaltssituation – ja die Wirtschaft insgesamt – weiter beeinträchtigt. Zuletzt wurden sogar Transportschiffe im Schwarzen Meer, die teilweise der Versorgung der Halbinsel Krim dienten, angegriffen.

Wie Russland auf ukrainische Drohnenangriffe reagiert

Russland hat als Reaktion inzwischen nicht nur Wasserstraßen zum Schwarzen Meer gesperrt. Es hat aufgrund der landesweiten Kraftstoffknappheit auch vorübergehende Exportverbote für den Großteil der Diesel-, Benzin- und Flugkraftstoffexporte verhängt. Und während Treibstoff vermehrt aus dem Ausland importiert wird, mussten im Inland wieder qualitativ niedrigere Treibstoffe zugelassen werden.

So groß sind die Schäden durch die Drohnen

Offiziell gibt es kaum Informationen darüber, in welchem Ausmaß die Raffinerien beschädigt sind. Nach eigenen Schätzungen geht die Zeitung „Novaya Gazeta Europe“ davon aus, dass Mitte Juni bereits rund 40 Prozent der Raffineriekapazitäten außer Betrieb gewesen sein könnten. „Bei Diesel sind es um die 40 Prozent, bei Benzin meinen Schätzungen nach bereits 60 Prozent“, sagt Michail Krutichin, Kenner der russischen Energiebranche und Partner des Beratungsunternehmens RusEnergy, auf Anfrage von WELT. Das russische Exilmedium Meduza rechnet vor, dass das Handelsvolumen bei Benzin von Jahresbeginn bis Juni 2026 um 47 Prozent gefallen ist, während die Preise um 46 Prozent gestiegen sind.

Schwere Folgen für die russische Wirtschaft

Der Staat verliert nicht nur Steuereinnahmen aus der Ölverarbeitung. Die durch die Treibstoffpreise angeheizte Inflation verengt auch den Spielraum für die Zentralbank, den hohen Leitzins von 14,25 Prozent weiter zu senken, was im Gegenzug die ohnehin niedrigen Investitionen bremst und den extrem starken Rubel weiter stützt. Damit bleiben auch für den Haushalt die Rubel-Einnahmen aus dem Ölexport beschränkt. Und das, obwohl der Mangel an inländischen Verarbeitungskapazitäten die Ölkonzerne veranlasst hat, so viel Rohöl zu exportieren wie nur möglich, sagt Krutichin.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Eduard Steiner schreibt bei WELT vor allem über die russische Wirtschaft.

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