Kultur

Freiheit, die er meinte

Freiheit, die er meinte

Richard Herzinger starb im Oktober 2025 im viel zu jungen Alter von 69 Jahren und hinterließ eine Lücke als leidenschaftlicher und brillanter Verfechter der liberalen Demokratie und individuellen Freiheit. Seine Essays befassen sich mit den Bedrohungen durch Putins Russland, islamistischem Terror und Antisemitismus, dem Aufstieg einer antidemokratischen Rechten auf beiden Seiten des Atlantiks und dem Zögern deutscher Intellektueller, sich diesen Realitäten zu stellen. Mit Leidenschaft, stilistischer Brillanz und fundierten Kenntnissen der modernen europäischen Geschichte kritisierte Herzinger die Vorstellung als Illusion, wirtschaftliche Verflechtung oder „kritischer Dialog“ würden zu Frieden und Sicherheit für Deutschland und die Demokratien der Welt führen, während Krieg und Autoritarismus in einigen Ländern des europäischen Kontinents längst zurückkehrten.

Nun vereint das Buch „Letztes Wort Freiheit“, herausgegeben von Thierry Chervel, Gründer und Chefredakteur des Online-Magazins „Perlentaucher“, und Nora Pester, Verlegerin bei Hentrich & Hentrich, eine repräsentative Auswahl aus den Hunderten von Artikeln und Essays, die Richard Herzinger in den 33 Jahren zwischen 1992 und 2025 veröffentlicht hat. Die Herausgeber haben eine kluge Auswahl getroffen. Die Texte dieses Bands fangen die Essenz seiner Ansichten und seine stilistische Brillanz ein und zeigen, was ihn zu einer unverwechselbaren und wichtigen Stimme in der deutschen, europäischen und transatlantischen Öffentlichkeit gemacht hat.

Nora Pester, Verlegerin bei Hentrich & Hentrich

Herzinger war Journalist und ein tiefgründiger Intellektueller, der gegenüber seinen Lesern die Erkenntnisse antitotalitärer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wie Hannah Arendt, Raymond Aron, Albert Camus, André Glucksmann, Friedrich Hayek, Karl Popper und Manès Sperber stark machte. Er hatte an der Freien Universität Berlin studiert und legte im Jahr 1992 seine Doktorarbeit über den ostdeutschen Dramatiker Heiner Müller vor.

Seine Essays aus den 1990er-Jahren in der „Zeit“ spiegeln sein Engagement in den Debatten über Literaturtheorie und den Stellenwert von Literatur und Politik in Ost- und Westdeutschland wider. Als regelmäßiger Autor der Zeitschrift „Internationale Politik“ erwies sich der Literaturkritiker Herzinger auch als scharfsinniger Analytiker geopolitischer Zusammenhänge. Er verfügte über fundierte Kenntnisse der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, des Kalten Krieges und jener Formen des Totalitarismus, die er in Putins Russland, in der Islamischen Republik Iran und bei islamistischen Terroristen erblickte.

Obwohl er im Laufe seiner Karriere mehrmals den Arbeitsplatz wechselte, sticht die Beständigkeit seines Liberalismus hervor. Er zeigte sich bereits in seinem gemeinsam mit Hannes Stein verfassten Buch „Endzeit-Propheten oder Die Offensive der Antiwestler“ (1995) und seinem 1997 erschienenen Werk „Die Tyrannei des Gemeinsinns: Ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft“ sowie in seinen Warnungen vor Putin und seinem glühenden Zorn über Russlands „Vernichtungskrieg“ gegen die Ukraine. 

Herzingers Essays belegen seinen konsequenten Liberalismus seit den Tagen, als er von 1992 bis 2004 für die „Zeit“, das Flaggschiff des linken Liberalismus, über den eher gemäßigten „Tagesspiegel“ bis hin zu 15 Jahren bei WELT und WELT AM SONNTAG, dem Flaggschiff der Mitte-Rechts-Presse im deutschen Journalismus, schrieb. Von 2011 bis 2025 veröffentlichte er 109 Essays im „Perlentaucher“. Damit trug er dazu bei, dessen Stellung als Herold des antitotalitären Liberalismus zu festigen.

In „Letztes Wort Freiheit: Anregung für eine liberal-libertäre Linke“ („Merkur“ Nr. 607 vom November 1999) trennte Herzinger die Bedeutung des Adjektivs „links“ von seinen marxistischen, antikapitalistischen Konventionen. Es war einer von acht Essays, die er zwischen 1996 und 2007 im „Merkur“ veröffentlichte. Er forderte eine „individualistische, nicht-sozialistische Linke“, die sich an die Denker des 18. Jahrhunderts wie John Locke, Adam Smith, David Hume sowie Voltaire und Immanuel Kant anlehnen sollte. Herzinger lobte die frühen Liberalen für ihre Überzeugung, dass Marktwirtschaft und offener Welthandel mit politischer Demokratie und individueller Freiheit vereinbar seien. Der Aufsatz war ein Plädoyer für eine Linke, die sich vom Kollektivismus und Etatismus der marxistischen Tradition abwandte und sogar Pierre-Joseph Proudhons „libertärem Sozialismus“ Beachtung schenkte. 

Dieser Aufsatz war typisch für Herzinger. Er wusste, wie provokativ es sein würde, eine Generation linker Intellektueller aufzufordern, marxistischen Antikapitalismus, Etatismus und Kollektivismus aufzugeben, die in den europäischen Revolutionen von 1989 so spektakulär kollabiert waren. Er schrieb weniger als einer, der glaubte, mit dem Liberalismus die Welle der Zukunft vor sich zu haben – eher wollte er seine Mitbürger auffordern, Ideen infrage zu stellen, die durch den Lauf der Ereignisse widerlegt wurden. Auch wenn er es nicht so sah: Herzinger war einer der deutschen Autoren, die den Geist der europäischen Revolutionen von 1989 bis 1991 am besten einfingen und auch den Geist der Dissidenz in Osteuropa, der diese Ereignisse vorausnahm und prägte. Wie die Dissidenten war er ein Autor, der stets klarmachte, wofür er stand: die Verteidigung der Demokratie und individueller Freiheit.

Herzinger betrachtete die Welt aus einer anderen moralischen Binarität

Herzinger trug eher als Kritiker und warnende Kassandra zum deutschen Geistesleben bei, denn als Verfechter der bestehenden Verhältnisse. Lange vor der „Zeitenwende“ von 2022 forderte er Deutschland auf, wesentlich mehr zu tun, um der Bedrohung durch Putin entgegenzutreten, und machte seinem Ärger über die „russische Lobby“ und ihren Einfluss auf die deutsche Politik Luft. Putins Aggression war für Herzinger ein Element einer neuen globalen Bedrohung.

Er stellte sich damit gegen ein Wahrnehmungsraster, das die Linke über Jahrzehnte geprägt hatte. Seit Lenin sieht die globale Linke die Welt in einem „zentralen Widerspruch“, nämlich dem zwischen „Imperialismus“ und „Antiimperialismus“. Von 1917 bis heute bestand ihr moralischer Kompass darin, zu fragen, auf welcher Seite dieses Widerspruchs ein Land oder eine Bewegung standen. Seit der „antikosmopolitischen Kampagne“ im Ostblock in den frühen 1950er-Jahren stellten Kommunisten weltweit und später die radikale Linke der 1960er im Westen den Staat Israel auf die „falsche“ Seite dieses globalen Kampfes. Israel wurde als „Speerspitze“ des US-Imperialismus angeprangert, unterstützt unter anderem vom westdeutschen „Imperialismus“ – erst von arabischen Staaten in den 1950er-Jahren, dann von der Palästinensischen Befreiungsorganisation seit den 1960er-Jahren und vom Ostblock, einschließlich der DDR.

Herzinger betrachtete die Welt wie Aron und Camus in Frankreich oder Karl Bracher in Deutschland aus einer ganz anderen moralischen und politischen Binarität, derjenigen zwischen politischer Freiheit auf der einen Seite und Diktatur, Terror und Totalitarismus auf der anderen. Für Herzinger stand Israel fest auf der Seite der „freien Welt“ der liberalen Demokratien, während Israels Feinde wie die Hamas und die Islamische Republik Iran dem Lager der Diktatur, des Totalitarismus und des Terrors angehörten.

Am 28. Oktober 2022 schrieb er im „Perlentaucher“: „Spätestens mit dem Beginn des russischen Vernichtungsfeldzugs gegen die Ukraine sind Putins Russland und die Islamische Republik Iran zu einer symbiotischen Allianz verschmolzen, die sich immer weiter der iranischen Theokratie angleicht. Beide Despotien lernen voneinander bei der Anwendung grausamster Methoden der Kriegsführung nach außen und der gewaltsamen gesellschaftlichen Gleichschaltung im Inneren.“ 

Kurz nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober schrieb er am 20. Oktober 2023 im „Perlentaucher“ in seinem Essay „Aus gleichsam existenziellen Gründen“: „Der von Teheran gesteuerte Terrorkrieg der Hamas gegen das jüdische Volk ist indes kein regional isoliertes Phänomen, sondern Teil einer weltweiten kriegerischen Offensive gegen die gesamte demokratische Zivilisation, die von Russland, Iran und China betrieben und orchestriert wird. Davon, dass sich nun alle Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit auf den Nahen Osten richtet, droht vor allem der Kreml zu profitieren, der darauf spekuliert, dass der Westen in seiner Unterstützung für die Ukraine nachlässt.“

Der Angriff der Hamas auf Israel und der russische Angriff auf die Ukraine waren seiner Meinung nach Teile desselben globalen Angriffs auf freie Gesellschaften. Daher betrachtete er den Überlebenskampf der Ukraine gegen das, was er Putins „Vernichtungskrieg“ nannte, und Israels Verteidigungskrieg gegen die Hamas, die Islamische Republik Iran und ihre islamistischen Stellvertreter als einen gemeinsamen Kampf zur Verteidigung der Zivilisation gegen die Barbarei. 

Nach seinem Ausscheiden bei der WELT im Jahr 2020 richtete Herzinger seine eigene Website „hold these truths“ ein. Dort veröffentlichte er 246 Essays, von denen viele zuvor in Zeitungen und Zeitschriften erschienen waren. In der am 4. Juli 2023 überarbeiteten Beschreibung der Website begann er mit einem Zitat aus den ersten Sätzen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind …“ Die Erklärung, schrieb er, beschreibe „das ideelle Fundament der demokratischen Zivilisation, die heute einmal mehr akut bedroht ist – durch autoritäre und totalitäre Mächte und Ideologien ebenso wie durch Relativismus und Gleichgültigkeit gegenüber den Errungenschaften der rechtsstaatlichen Demokratie im Inneren der freiheitlichen Gesellschaften selbst.“

Herzingers Warnung stand in der Tradition eines nüchternen Liberalismus, der einen unerschrockenen Blick auf unangenehme Realitäten warf, um Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Die Wahrheiten, die er und Millionen von uns für selbstverständlich halten, werden weiterhin von denen infrage gestellt, die sie keineswegs für selbstverständlich halten.

Jeffrey Herf, geboren 1947, ist US-Historiker. Er lehrte an der University of Maryland. Auf Deutsch erschien zuletzt seine Schrift „Drei Gesichter des Antisemitismus. Rechts, links und islamistisch“ (Hentrich & Hentrich).

Jeffrey Herf, geboren 1947, ist US-Historiker. Er lehrte an der University of Maryland. Auf Deutsch erschien zuletzt seine Schrift „Drei Gesichter des Antisemitismus. Rechts, links und islamistisch“ (Hentrich & Hentrich).

Der oben stehende Artikel ist eine gekürzte Version von Jeffrey Herfs Vorwort zu Richard Herzingers Buch „Letztes Wort Freiheit. Politische Essays 1992–2025“. Es erscheint, herausgegeben von Thierry Chervel, bei Hentrich & Hentrich (358 Seiten, 27 Euro).

Der oben stehende Artikel ist eine gekürzte Version von Jeffrey Herfs Vorwort zu Richard Herzingers Buch „Letztes Wort Freiheit. Politische Essays 1992–2025“. Es erscheint, herausgegeben von Thierry Chervel, bei Hentrich & Hentrich (358 Seiten, 27 Euro).

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