Der THW Kiel hat etwas gutzumachen. Platz 6 in der Bundesliga, kein Titel und erstmals seit 33 Jahren kein internationaler Wettbewerb – für den deutschen Rekordmeister war die vergangene Saison eine historische Enttäuschung. Jetzt soll alles anders werden.
Während Meister Magdeburg und Pokalsieger Berlin am Samstag im Supercup (38:31) um den ersten Titel der Saison kämpften, war Kiel nur Zuschauer – auf der Couch. Der THW steigt am Donnerstag (19 Uhr, live bei Dyn/Anzeige) gegen den TBV Lemgo Lippe in die neue Saison der Opel Handball-Bundesliga ein. Und plötzlich ist aus dem Krisen-Klub der Magdeburg-Jäger Nummer 1 geworden.
Davon ist Handball-Ikone Stefan Kretzschmar (52) überzeugt. Der und Dyn-Experte sagt in BILD am Sonntag: „Das Hauptargument, warum sie für mich der Verfolger Nummer eins sind: Der THW hat den tiefsten Kader der Liga. Es gibt keine Spitzenmannschaft, die einen tieferen Kader hat als der THW.“
Kiel startet mit neuem Trainer und mehreren Topstars: Filip Jicha (44) musste trotz Vertrags bis 2028 gehen, der Norweger Børge Lund (45) übernahm. Mit Nationalspieler Julian Köster (26) aus Gummersbach und Champions-League-Sieger Domen Makuc (26) vom FC Barcelona kamen zwei Topstars. Dazu kehren die Langzeitverletzten Emil Madsen (25) und Elias Ellefsen á Skipagøtu (24) zurück.
Besonders die Neuzugänge begeistern Kretzschmar. „Makuc und Köster sind natürlich zwei unfassbare Assets für Kiel.“ Makuc bringe internationale Erfahrung und Gewinnermentalität mit, Köster sei ein kompletter Führungsspieler, der sowohl im Innenblock als auch in offensiveren Abwehrsystemen eine Schlüsselrolle übernehmen könne.
Kretzschmar schwärmt: „Der Kader ist brutal. Für mich ist das wirklich der tiefste. Er ist sogar noch tiefer als der von Magdeburg.“ Trotzdem sieht er den SCM weiter vorn: „Magdeburg ist aufgrund der Erfolge der vergangenen Jahre und dieser Gewinnermentalität noch ein Stück voraus.“
Die große Herausforderung für Børge Lund: Er hat fast zu viele Stars! „Auf Rückraum Mitte und Rückraum links hat er jeweils drei Spieler. Das zu managen, wird nicht leicht, erst recht, weil sie keinen europäischen Wettbewerb haben.“ Motivation, Rollenverteilung und Stimmung im Team müssen stimmen.
Kiels Nationaltorwart Andreas Wolff (35) traut dem THW in Bestbesetzung Großes in der HBL zu. Wolff zu SPORT BILD: „Wenn alle ihr Maximum abrufen, dann haben wir eine Mannschaft, die jede Mannschaft der Welt schlagen kann.“ Der Keeper spricht von einem „sehr ausgewogenen, sehr interessanten Paket“, das nun endlich „richtig aus dieser Geschenkbox herausspringen“ müsse.
Auch im Verein ist die Aufbruchstimmung spürbar. Geschäftsführer Viktor Szilagyi (47) spricht von „viel Energie“ und einer großen Bereitschaft, nach der enttäuschenden Vorsaison vieles besser zu machen: „Daraus jetzt diese Stärke zu entwickeln, darauf freuen sich alle. Dass es wieder losgeht. Dass wir die Chance haben, vieles besser zu machen.“ Eine zentrale Rolle soll dabei Köster übernehmen. Der Nationalspieler wurde direkt ins Kapitäns-Trio berufen. Szilagyi: „Er ist ein Leader. Er ist nicht nach Kiel gekommen, um die Landschaft zu genießen, sondern um erfolgreich zu sein.“
Auch wirtschaftlich musste sich Kiel neu aufstellen und eine notwendige Kapitalerhöhung über 1,5 Mio. Euro durchführen. Aufsichtsratschef Kai Kruse (54) gibt die Richtung vor: „Wir setzen den Blinker und fahren auf die Überholspur.“
Den letzten Härtetest vor dem Liga-Start gegen den ungarischen Top-Klub und Champions-League-Teilnehmer Pick Szeged gewann Kiel am Freitag souverän (42:32).
Das Mindestziel: zurück in einen europäischen Wettbewerb. Doch nach der enttäuschenden Saison soll es für den THW wieder deutlich höher hinausgehen. Aufsichtsratschef Kai Kruse (54) gibt die Richtung vor: „Wir setzen den Blinker und fahren auf die Überholspur.“
Und wenn Kretzsche recht behält, geht dieser Überholvorgang bis ran an Meister Magdeburg.