Berlin – Kein Land der Welt ist so stolz darauf wie Deutschland, aus seiner Geschichte gelernt zu haben. Aber warum gilt das nicht für die deutsche Wirtschaftspolitik?
Denn es gab mal eine Zeit, als Deutschland seinen Nachbarn hinterherhinkte und dann aus eigener Kraft einen beispiellosen ökonomischen Aufstieg hinlegte. Als Konzerne wie BASF, Bayer, Siemens, Thyssen, Hapag, Allianz, Continental und Co. gegründet wurden, die bis heute unseren Wohlstand sichern. Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg sind eine der wichtigsten deutschen Epochen. Und doch wird, während Regierung, Berater und Ökonomen nach dem Rezept für mehr Wachstum suchen, erstaunlich wenig darüber gesprochen.
Darum habe ich den renommiertesten deutschen Wirtschaftshistoriker Prof. Werner Plumpe von der Goethe-Universität Frankfurt in meinen Geschichts-Podcast ZEITREISE eingeladen. Ich wollte wissen: Was für ein Land war Deutschland damals? Was kann das heutige Deutschland daraus lernen? Und was ist heute schief gegangen?
Aus Hungersnöten zum Aufstieg
Bis zur Ausrufung des Kaiserreichs 1871 war Deutschland nicht einmal ein richtiger Nationalstaat, geschweige denn eine Wirtschaftsmacht. Deutschland war „ein Flickenteppich von mehr oder weniger teilsouveränen Staaten“, sagt Werner Plumpe. Noch bis in die 1840er Jahre gab es Hungersnöte, viele Deutsche wanderten aus Verzweiflung in die USA aus. Doch dann begann der Aufstieg.
Die klugen Deutschen
Das deutsche Bildungssystem produzierte hochqualifizierte Angestellte in einer Anzahl, von der andere Länder nur träumen konnten. „Sie müssen sich vorstellen: Vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte Bayer allein mehr akademisch gebildete Chemiker als die ganze englische chemische Industrie“, so Plumpe.
Der Staat unterstützte „das Universitätssystem und die technischen Hochschulen sehr großzügig“, die Folge waren „anwendungsnahe Studiengänge mit anwendungssnahen Forschern“. Unterstützt wurden sie von gut ausgebildeten Beschäftigten, die aus der handwerklichen Tradition des Landes kommen.
Heute ist genau das eines der größten deutschen Probleme: „Wir haben zu viele wenig qualifizierte und zu wenige hochqualifizierte Arbeitskräfte.“
„Dieses Deutschland war sehr reich an Unternehmertalenten“
Die deutschen Unternehmer orientieren sich zunächst am Ausland. „Aber man macht es nicht nur nach“, so Plumpe. „Das Interessante am deutschen Fall ist, dass man in diesem Nachahmungs- und Änderungsprozess sehr schnell eigene Fähigkeiten entwickelt. Man baut eben nicht nur englische Lokomotiven nach, sondern entwickelt eigene.“
„Dieses Deutschland der Jahre 1850 bis 1914 war sehr reich an Unternehmertalenten“, so der Wirtschaftshistoriker. Emil Rathenau (AEG) war „ein genialer Finanzierer“. Karl Duisberg (Bayer) war „von einem brennenden Ehrgeiz besessen“. Ebenso August Thyssen, Albert Ballin (Hapag), Carl Zeiss und Hermann Tietz (Hertie). Sie alle waren „findige Menschen, die die Chancen gesehen und genutzt haben“.
Die billige Energie
„Die Industrialisierung in Europa folgt in gewisser Weise der Energieverfügbarkeit“, sagt der Professor. Die Deutschen hatten Rohstoffe und wussten, sie zu nutzen. „In Deutschland wurden 1850 vielleicht zwei Millionen Tonnen Kohle gefördert – 1914 waren es 140 Millionen.“ Wäre ohne günstige Energie so ein Aufstieg vorstellbar gewesen, fragte ich Werner Plumpe. „Nein, ausgeschlossen.“
Der billige Staat
Neben den qualifizierten Arbeitern und der günstigen Energie dürfe auch „der billige Staat nicht unterschätzt werden“, mahnt Plumpe. Die Staatsquote lag in Deutschland bei etwa 15 Prozent (mittlerweile rund 50 Prozent). Die Unternehmen waren zufrieden, wenn der Staat „die allgemeine Verwaltung im Griff hatte, wenn die Straßen funktionierten, wenn Eisenbahntarife in Ordnung waren, wenn die Post einigermaßen pünktlich war – die kam dreimal am Tag, siebenmal in der Woche“.
Ganz anders sei es heute: „Vor 1914 waren im öffentlichen Dienst in Deutschland weniger als zwei Millionen Menschen beschäftigt – und davon war der größte Teil bei Bahn und Post. Heute sind wir bei fast acht Millionen – und Bahn und Post sind gar nicht mehr dabei.“ Obwohl der Staat immer reicher wurde, habe es „seit den 1990er Jahren (...) de facto eine Aufgabe der staatlichen Infrastrukturinvestitionen gegeben.“
Das deutsche Erfolgsgeheimnis
Es nannte sich Produktivität: Die Arbeit der Deutschen war höchstens so viel teurer, wie sie besser wurde. Die Arbeitskosten (Löhne, Steuern, Abgaben etc.) stiegen, blieben jedoch stets wettbewerbsfähig. Werner Plumpe zitiert einen preußischen Beamten, der nach dem Geheimnis des deutschen Aufstiegs gefragt wurde. Seine Antwort lautete: „Wir haben uns hochgehungert.“
Und jetzt?
Es sei eine „alte Fähigkeit der deutschen Wirtschaft“ gewesen, so Plumpe, „durch Hungern, durch innere Abwertung, durch Gürtel enger schnallen“ auch Krisen zu meistern. „Das haben wir heute nicht mehr. Heute gibt es die Selbstillusion des Spruchs ‚Wir sind ein reiches Land, das müssen wir uns leisten können‘.“ Der Historiker vergleicht Deutschland mit einem Menschen, der „vor einem vollen Kühlschrank steht und sagt: ,Uns geht’s so herrlich‘ – ohne zu wissen, ob man ihn am Wochenende wieder füllen kann.“