Kultur

Im Bauch des Pottwals bleibt eine Stunde Luft – für eine letzte Aussprache

Im Bauch des Pottwals bleibt eine Stunde Luft – für eine letzte Aussprache

Wie soll man sich den Pitch vorstellen? Kommt jemand in Hollywood zum Studioboss und sagt, er würde gern die Geschichte von Jona neu auflegen, dem Propheten, den laut Altem Testament ein großer Fisch verschlang – zum Wal wurde er erst bei Luther – und nach drei Tagen und drei Nächten wieder ausspie. Allerdings soll sie auf die Daddy-Issues eines zartbesaiteten Jungen gemünzt werden, der mit der überbordenden Maskulinität seines Vaters nie so richtig klarkam. Seine Probleme werden dann im Magen-Darm-Trakt eines Pottwals gewälzt. Man könnte auch sagen: durchgekaut. Jedenfalls muss man das alles erst mal sacken lassen. Im Englischen gibt es noch ein paar naheliegende Wortspiele mehr, Stichwort „sperm whale“ und „swallowing“, aber das nur am Rande.

Bei 20th Century Studios, das zum Disney-Konzern gehört, hat man verrückterweise gleich zugegriffen. Daniel Kraus’ Roman „Whalefall“ war im August 2023 noch gar nicht erschienen, da hatte sich Imagine Entertainment, die Firma von Ron Howard und Brian Grazer, schon die Filmrechte gesichert; ein gutes halbes Jahr später gewann das Studio einen Bieterwettstreit um die Kinoauswertung. Der Roman landete prompt auf der Liste der besten Thriller des Jahres der „New York Times“. Bei der Filmfassung führt Brian Duffield Regie, der als Koautor von „Underwater“ schon Kristen Stewart auf den Meeresgrund geschickt hat und zuletzt mit „No One Will Save You“ einen beinahe komplett stummen Alien-Horror inszenierte. Das Drehbuch hat er mit Kraus zusammen geschrieben.

Jay Gardiner, gespielt von Austin Abrams, taucht vor der kalifornischen Küste nach den sterblichen Überresten seines Vaters, der sich, mit Tauchblei beschwert, das Leben genommen hat. Josh Brolin spielt diesen Mitt Gardiner in allerlei Rückblenden als Inbegriff jener breitschultrigen Männlichkeit, an der sich amerikanische Söhne seit Hemingway abarbeiten. Nach kurzer Exposition – in den fünf Phasen der Trauer nach Kübler-Ross sind wir zwischen Stadium zwei und drei, Wut und Verhandeln – taucht Jay durch einen Kelpwald, einen Unterwasserdschungel aus haushohen Braunalgen.

Dort kommt er einem Pottwal in die Quere, der nahe der Oberfläche einen Riesenkalmar jagt. Dessen Saugnäpfe greifen nach allem, was ihn retten könnte, erwischen Jay und ziehen ihn hinab in den Schlund. Das CGI-Team lässt erkennbar grüßen, aber die Achterbahnfahrt durchs Aquarium ist eindrücklich inszeniert, und man ertappt sich dabei, wie man im Kinosessel die Luft anhält. Eine Stunde reicht der Sauerstoff in Jays Flasche. Duffield erzählt sie annähernd in Echtzeit, wie damals bei „High Noon“ oder „Lola rennt“.

Im ersten Magen ist es zunächst noch ganz angenehm, beziehungsweise: Es könnte schlimmer sein. Pottwale haben mehrere Mägen, wie ihre Verwandten, die Kühe oder die Nilpferde. Der erste ist ein muskulöser Vorratssack ohne Verdauungssäfte – so weit hält sich der Film an die Zoologie. Ohne Flasche Luft holen sollte man besser nicht; die Atmosphäre besteht aus Methan. Ungemütlicher wird es in der zweiten Kammer, einer blubbernden Säuresuppe, die aussieht, als brüte hier eines von Ridley Scotts Aliens seine Eier aus. Jay ist das anfangs nicht klar, doch bald versteht er die vertrackte Lage, als ihm nämlich die Säure die Hände wegätzt. Die Handschuhe hat er dummerweise an Land vergessen. Erkenntnis nebenbei für alle mitlesenden Feministinnen: Die Magensäure eines Pottwals ist toxischer als die Männlichkeit.

Jay ist verständlicherweise geschockt, zumal der Riesenkalmar auch noch eine Weile weiterlebt und sich offenbar eine Henkersmahlzeit zu genehmigen gedenkt. Kalmarschnäbel bestehen aus einem harten, chitinhaltigen Material, das kein Pottwal verdauen kann, weshalb sie sich in seinem Magen zu Tausenden sammeln. Das hat Vor- und Nachteile, denn die Dinger sind höllisch scharf. Was ihn überhaupt in diese traurige Lage befördert hat, liefert Jay nun das Werkzeug seiner Rettung. In dieser Logik geht es weiter; eine Zeit lang spielt Jay MacGyver im Pottwalbauch. Zum Einsatz kommen etwa eine Batterie, ein Stück Plastik, aus dem sich eine Zündschnur basteln lässt, die Sauerstoffflasche und eine alte Socke, mit der Jay eine leuchtende Qualle zur provisorischen Taschenlampe umfunktioniert. Dass sich ausgerechnet Plastik, das in Walmägen sonst eher Negativschlagzeilen macht, als Rettungsanker erweist, ist eine Ironie, die der Film taktvoll übergeht.

Bleibt das Lichtproblem, denn die Qualle haucht ihr dünnwandiges Leben bald aus. In einem Walbauch ist es naturgemäß stockfinster. Duffield hat darum beschlossen, die Magenwände leuchten zu lassen, eine Eingebung, für die es in der Biologie keinen Anhaltspunkt gibt, auch wenn Biolumineszenz in der Tiefsee natürlich existiert, nur eher nicht zwischen Speiseröhre und After. Die schwach beleuchteten, ziemlich schleimigen und klaustrophobischen Szenen wirken wie in einer jener Mitmachausstellungen gefilmt, in denen Schulklassen vom Mund bis zum Rektum durch einen begehbaren Magen-Darm-Trakt wandern (das Braunschweigische Landesmuseum hatte bis Ende August so eine im Haus), nur dass in diesem Fall das Exponat lebt und die Besucher bei lebendigem Leibe verdaut. Gebaut wurde dafür ein echter Magen, der sich fluten ließ, von Kolben bewegt und im Takt des benachbarten Herzens pulsierend.

Austin Abrams, Jahrgang 1996, kennt man aus „Euphoria“, „Weapons“ und „Margos Spuren“. Kürzlich spielte er die Hauptrolle in Zach Creggers „Resident Evil“. Mit anderen Worten: Hollywood macht gerade einen Star aus ihm. Danach sieht er gar nicht aus, so schmal und jungenhaft, wie er ist, dabei aber weder Typ Actionheld noch hübsches Sensibelchen. Er macht seine Sache gut, obwohl er nicht gerade an Unterbeschäftigung leidet. Er spricht zwar – ein naheliegender dramaturgischer Kniff – viel mit sich selbst, aber das heißt noch lange nicht, dass man ihn auch versteht. Denn um das Mundstück seines Atemreglers kommen er und die Regie schwerlich herum.

Damit es nicht nur Selbstgespräche bleiben, taucht der tote Vater wieder auf – nicht buchstäblich, aber mindestens als Metapher. Als der Pottwal abtaucht, platzen Jay die Trommelfelle. In halber Ohnmacht gerät er in ein Zwiegespräch mit dem Vater, der in den Geist des Wals emaniert oder mit ihm verschmolzen ist, so in der Art. Brolin hat vorhin in einer der Rückblenden, die ihn als wahres Urviech vorstellen, Bierdosen an der eigenen Stirn zerdeppert und dabei etwas von Maori-Tattoos gemurmelt, dank deren man mit Walen sprechen könne.

„Whalefall“ trägt unüberhörbare Anklänge an James Grays „Ad Astra“, in dem Brad Pitt 2019 bis zum Neptun flog, um seinen verschollenen Vater Tommy Lee Jones zu finden. Auch dort wurde ein Vater-Sohn-Konflikt in möglichst irrer und abstrakter Umgebung verhandelt, im Weltall statt im Ozean. Gray machte daraus eine kosmische Meditation. Duffield, bodenständiger, sofern man das von einem Film im Walbauch sagen kann, hält es mit dem Body Horror.

Der Wal hat übrigens auch keinen guten Tag. In seinem Inneren versucht ein junger Mann ihn aufzuschlitzen oder in die Luft zu jagen – ein Kapitän Ahab mit besseren Gründen. Und von außen fallen Orcas über ihn her. Wir wollen nicht spoilern, aber für einen der beiden, Jay oder den Wal, geht die Geschichte nicht gut aus.

Einen Wink mit dem Unterseekabel mag der Titel geben: Als Walsturz – so „Whalefall“ auf Deutsch – bezeichnen Meeresbiologen das Absinken des toten Tieres auf den Grund, wo der Kadaver in der nährstoffarmen Tiefsee zum Festmahl wird, das Fett über Monate bis Jahre, die Knochen über Jahrzehnte. Hierzulande haben viele das Wort im Frühjahr gelernt, als sich der Buckelwal Timmy wochenlang vor der Ostseeinsel Poel quälte und das Fernsehen die Gelegenheit nutzte, die produktive Kraft des Todes zu erläutern.

Timmy selbst blieb dieser Weg versperrt, in Küstengewässern vollzieht sich kein klassischer Walsturz. Eine private Initiative brachte ihn auf einem Lastkahn ins Skagerrak, Mitte Mai wurde er tot vor der dänischen Insel Anholt angespült. Sein Speck ging an eine Fabrik im dänischen Randers, die daraus Biodiesel macht. Wie es für Jay und den Wal ausgeht, das müssen Sie sich selbst anschauen.

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