Kultur

Kaiser Ottos Herz klebt vielleicht an tausend Jahre alten Glasscherben

Kaiser Ottos Herz klebt vielleicht an tausend Jahre alten Glasscherben

Die größten Umwälzungen unseres Kenntnisstands über die Geschichte sind zuletzt alle durch archäologische Funde ausgelöst worden: Die Himmelsscheibe von Nebra und das Schlachtfeld an der Tollense haben unseren Blick auf die Gesellschaften der Bronzezeit verändert, das „Harzhorn-Ereignis“ – im dritten Jahrhundert n. Chr. – stellte unsere Ansichten über römische Machtentfaltung in Germanien auf den Kopf.

All diese Entdeckungen betrafen schriftlose oder schriftarme Zeitalter wie die Antike oder die sogenannte Vorgeschichte. Doch auch über das Mittelalter haben wir wenige verlässliche zeitgenössische Quellen, vor allem über die Frühzeit. Das hat dazu geführt, dass es Verschwörungstheorien gibt, die behaupten, Karl der Große habe nie existiert.

Ganz sicher existiert hat Otto I., genannt der Große. Die jüngste Öffnung seines Grabes im Magdeburger Dom und die folgende Untersuchung der im Otto-Sarkophag ruhenden Gebeine haben ergeben, dass das Individuum darin tatsächlich ein Mann ist, der den zeitgenössischen Beschreibungen entsprach. Die minutiöse Schilderung der Vorgehensweise der Archäologen dabei ist eines der Glanzstücke eines neuen Buches. Verfasst hat es der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, gemeinsam mit dem Historiker und Autor Kai Michel. Meller ist der Hüter und gewissermaßen auch der Pressesprecher der Himmelsscheibe. Gemeinsam mit Michel hat er darüber bereits auch ein Buch geschrieben.

Bei aller geschickten Dramatisierung im Buch: Gleichermaßen umstürzend sind die archäologischen Kenntnisse über die Ottonen – das Herrschergeschlecht, zu dem auch Ottos Vater Heinrich I., sein Sohn, Enkel und Urenkel gehörten – nicht. Von Ottos Knochen wusste man ja schon vorher – im Gegensatz zur Himmelsscheibe. Das Grab ist auch schon zuvor geöffnet worden, mindestens einmal im 19. Jahrhundert.

Sensationell ist aber, dass die Knochen immer noch im Dom liegen. Nach all dem, was in dem Jahrtausend, seit Otto die Kirche als Prunkstück seiner Hauptstadt Magdeburg errichten ließ, war das nicht ganz selbstverständlich: Magdeburg wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört und geplündert, Napoleons Franzosen nutzten das Gebäude als Pferdestall, im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt erneut in Trümmer gelegt.

Graböffnungen und Funde können den Archäologen auch Enttäuschungen oder Täuschungen bescheren, vor allem, wenn die Forscher mit einem klaren politischen Auftrag handeln. Die vermeintlichen Gebeine Heinrichs I., die ein Team im Auftrag des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, 1937 in Quedlinburg fand, stammen wohl eher von einer Frau: der 1533 gestorbenen Stiftspröpstin Anna von Tautenberg. Auch das haben sachsen-anhaltinische Archäologen erst vor Kurzem herausgefunden. Wie, das wird ebenfalls im Buch beschrieben. Absolute Sicherheit soll irgendwann eine DNS-Analyse bringen.

Was man mit solchen und ähnlichen Methoden herausfinden kann, demonstrierte ein britisches Forscherteam anhand der Zähne von Ottos Gattin Editha. Mit einer Isotopenanalyse wiesen sie nach, dass die zahntragende Person, von der man bis dahin nicht sicher wusste, ob es sich um Editha handelt, zunächst im Kindesalter viel herumreiste, dann längere Zeit an einem Ort blieb. Das deckt sich mit der überlieferten Biografie jener Königstochter aus Wessex.

Sollte die einschlägige Technik weiter fortschreiten, wird man vielleicht auch herausfinden, ob in dem zersplitterten gelblichen Prunkglas, das in den Ruinen des Klosters Memleben ausgegraben wurde, tatsächlich Ottos Herz beigesetzt wurde. Solche Teilbegräbnisse – Herz hier, Knochen dort – waren gängige Praxis.

Doch das Buch von Meller und Michel reiht nicht nur Grabungsprotokolle aneinander – so spannend das allein schon wäre. Es schildert auch die Anfänge des heutigen Deutschlands und zeigt, wie geprägt von Gewalt und damit auch von Zufällen die Politik damals war. Die Bezeichnung von fünf aufeinanderfolgenden Herrschern als „Ottonen“ konstruiert im Nachhinein eine Folgerichtigkeit, die es in dieser Zeit, als Verwandtenmord ein alltägliches Machtmittel war, nie gab. Auch wenn die Autoren diesen Vergleich ein bisschen zu oft bemühen: Es war tatsächlich ein brutales „Game of Thrones“.

Harald Meller, Kai Michel: Im Herzen der Macht. Deutschlands dunkle Anfänge: eine archäologische Spurensuche. dtv, 576 Seiten, 35 Euro

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