Im Osten werden Zäune an der Oder gebaut, um das Eindringen von Flüchtlingen zu verhindern. Der Film heißt „Morgen war Krieg“. Im Süden zieht sich eine Frau in die Einsamkeit der Alpen zurück, um nicht vom Militär eingesammelt und in ein Lager gesteckt zu werden, wo man die Erkrankten einer neuen Pandemie konzentriert. Der Film heißt „Die andere Seite“. Und in ganz Deutschland herrscht eine Gesundheitsdiktatur, die alle streng bestraft, die sich nicht an drakonische Regeln halten. Der Film heißt „Corpus Delicti“. Alle drei Filme sind zurzeit in den Kinos, und jeder drückt Ängste aus, die sich gerade quer durch dieses Land ziehen.
Da wäre die Angst vor dem nächsten Virus. Nina Hoss ist die Ärztin Hanna, der klar ist, dass in den Lagern auf Infizierte nicht die Genesung, sondern der Tod wartet, und die sich deshalb von der Zivilisation isoliert. Wir beobachten sie beim Häuten eines Kaninchens. In einer abgelegenen Berghütte verbindet sie eine tiefe Fleischwunde an ihrer Wade, aus einem verlassenen Haus plündert sie Vorräte. Erst nach 20 Minuten wird in Mariko Minoguchis zweitem Langfilm geredet, als Hanna eine alte Bekannte um Medikamente bittet.
„Die andere Seite“ klingt nach einem Survival-Film à la „Eiserne Wildnis – Heart of the Beast“ und „Das Ende der Sterne“, ist aber etwas anderes: ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit in einer Zeit allgegenwärtiger Abgrenzung. Die Ärztin hat drei große Begegnungen im Lauf des Films: mit einer alten Bäuerin in einem verfallenen Hof, einem schwer verletzten Jäger und einer schwangeren jungen Migrantin. Und obwohl sich diese Kontakte teilweise als lebensgefährlich erweisen, sind sie letztlich das, was ein Leben ausmacht, denn sie stiften Sinn.
Den Sinn der Existenz hat in „Corpus Delicti“ der Staat für seine Bürger definiert: die Erhaltung von deren Gesundheit. Den Menschen werden Chips implantiert, die alle Körperdaten an eine Zentrale melden, und Abweichungen von den Normen werden mit Zwangsmaßnahmen sanktioniert. Das System hat einen Namen, „die Methode“, und weil es Zugriff auf sämtliche Daten besitzt, wird es als perfekt betrachtet.
In der Welt der „Methode“ sind „defizitäre Gedanken“ – Zweifel an ihrer Unfehlbarkeit – unerwünscht, zeugen sie doch von einem schlechten „Gesundheitszustand“ und sind „staatsgefährdend“. Opposition ist definitionsgemäß ausgeschlossen, und die Neurologin Mia (Hannah Herzsprung) arbeitet sogar an einer Methode, das Unterbewusste zu entschlüsseln. Doch als ihr Bruder, ein aktivistischer Gegner der „Methode“, des Mordes angeklagt wird, beginnt sie, an der Fehlerfreiheit des Systems zu zweifeln.
Lena Stahls dritter Langfilm beruht auf Juli Zehs 17 Jahre altem gleichnamigem Roman. Es geht um den Zwiespalt zwischen Freiheit und Sicherheit, Selbstbestimmung und Fürsorge und die Fragen, wann eine sinnvolle Beschränkung individueller Freiheit in eine Diktatur umschlägt und was eine Gesellschaft dazu bringt, sich dem zu unterwerfen.
Diesem philosophischen Gerüst hat der Film nicht getraut, und so stürzt er sich auf die kriminalistische Handlung, den Beweis der Unschuld von Mias Bruder. Zehs Buch besteht vor allem aus zwei Gerichtsverhandlungen sowie Mias Dialogen mit einer KI-Stimme in ihrer Wohnung. Stahls Film wandelt durch – durchaus beeindruckende – futuristische Kulissen, erschöpft sich aber letztlich in bedeutungshubernd vorgebrachten Thesensätzen.
Alle drei Dystopien vermeiden einen genauen Jahresstempel. Juli Zehs Buch ist jenseits der Mitte unseres Jahrhunderts angesiedelt, doch der plötzliche Aufstieg der KI rückt sein Thema in eine viel größere Nähe. „Die andere Seite“ könnte sich jederzeit abspielen, wann auch immer die nächste Pandemie ausbricht. „Morgen war Krieg“ ist ein Stück der fast unmittelbaren Gegenwart. Viel erfährt man nicht, außer dass die EU zerfallen ist und eine rechtspopulistische Regierung die Bevölkerung für einen nahenden Krieg mobilisiert.
Ein junger Mann (Enno Trebs) entzieht sich der Einberufung und flüchtet zu seinem entfremdeten Vater (Ulrich Matthes) an die polnische Grenze, wo Bürgerwehren Stacheldraht am Fluss verlegen. Die Lage bleibt undurchsichtig, und eigentlich geht es weniger um die äußere Bedrohung als um das Abbild einer Gesellschaft – so die simple Grundthese –, in der die Naziideologie bis heute überlebt habe. Viele Figuren in Nicolas Ehrets zweitem Film erinnern an die Zombies in der „Nacht der lebenden Toten“. Es gibt in Deutschland nur noch Dystopien, keine Utopien mehr.