Einige Reaktionen von Rechtsaußen auf das Video des AfD-Politikers Hans-Thomas Tillschneider und seiner Tasse der russischen Armee fallen sehr vorhersehbar aus. Es sei doch nur eine Kaffeetasse! Was habe eine einfache Tasse schon mit Politik zu tun!
Ich sage: Wenn ein Politiker ein Souvenir mit einem politischen Symbol nutzt, um sein Büro zu schmücken und seinen Gästen zu präsentieren, dann nehme ich ihn ernst. Völlig egal, ob es eine Kaffeetasse, ein Kühlschrankmagnet oder eine Pfefferminzdose ist.
Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass Herr Tillschneider nicht wusste, wofür die Tasse steht – oder, dass er sie nur ironisch ins Regal gestellt hat, sozusagen als makabren Witz. Nein, ich denke, dass Herr Tillschneider sich dafür entschied, mit der Tasse der russischen Armee sein Büro zu schmücken, weil er die russische Armee und ihre Taten gutheißt.
Warum die Tasse so problematisch ist
Das ist kein konstruierter Vorwurf mithilfe einer Kaffeetasse. Es wäre absurd, von einer Kaffeetasse auf das Weltbild eines unbescholtenen Mannes zu schließen. Aber im Fall von Herrn Tillschneider, der als programmatischer Kopf seiner AfD in Sachsen-Anhalt gilt und als Bildungsminister gehandelt wird, ist die Tasse nur die Kirsche auf der Sahnetorte bzw. der Dill auf dem Borschtsch.
Der Vize der AfD Sachsen-Anhalt macht aus seiner politischen Haltung kein Geheimnis. Kurz nach Russlands Überfall auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 erklärte er: „Wladimir Putin verteidigt russische Interessen, das ist sein gutes Recht.“ Im vergangenen Herbst feierte er in der russischen Botschaft in Berlin den Geburtstag des Diktators und Kriegsherrn Wladimir Putin, während dieser längst einen hybriden Krieg gegen Deutschland führte.
Dass deutsche Politiker im Interesse Moskaus handeln und deutsche Interessen hinten anstellen, ist in diesem Land nicht neu. Erinnert sei an die Clique um den früheren SPD-Kanzler Gerhard Schröder, die Deutschlands Energieversorgung in Putins Hände legte, während sie jede Stärkung von Deutschlands Wehrhaftigkeit verhinderte. Auch damals hieß es natürlich, man handele strikt zum Wohle Deutschlands.
Das Neue an Herrn Tillschneider, der sich sonst gern von den sogenannten „Altparteien“ absetzt, ist also nicht seine Bewunderung der russischen Diktatur, sondern nur die Plumpheit, mit der er sie zur Schau stellt.
Ich war live dabei, als mein Kollege Paul Ronzheimer ihn auf die Tasse mit der Aufschrift „Armija Rossii“ (Armee Russlands) ansprach. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen einem Politiker die Zeit fehlt, sich eine gute Erklärung zu überlegen und sich den alles erklärenden Spin zurechtzulegen, um eine Missetat wieder geradezurücken. Etwa: Das sei ein Scherz eines ukrainischen Freundes gewesen – oder ein großer Spaß, um uns Journalisten eine Falle zu stellen. Ausreden sind in der Politik keine Mangelware.
Stattdessen sagte Tillschneider, er habe die Tasse geschenkt bekommen und in sein Regal gestellt. Als professioneller Politiker merkte er, dass ein selbsternannter Friedenspolitiker und deutscher Patriot mit einer Tasse der russischen Armee schlecht aussah. Tillschneider fand die Tasse nicht so belanglos wie seine Verteidiger: Zuerst versuchte er, sie wegzuräumen, dann schickte er seine Anwälte los, um die Veröffentlichung der Aufnahmen zu verhindern. Aber zum Glück sind wir ja nicht in Putins Russland.