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Das innere Kind muss töten

Das innere Kind muss töten

Es gibt ja wenig, über das man sich derart aufregen könnte wie über ihr inneres Selbst ständig optimierende Küchentherapeuten, die unter allem, von dem sie in psychologischen Bestsellern lesen, leiden wie Hypochonder unter Nebenwirkungen nach der Beipackzettellektüre. Und anschließend ihre komplette Umwelt auf die Couch legen.

Nutzen tät’s natürlich nichts, das Aufregen. Besser man atmet ein. Ganz tief. Und zählt bis zehn. Oder man tut, was man in Momenten größter Echauffiergefahr immer tun sollte – man fängt an zu lachen.

Das könnte man als Dusse-Methode bezeichnen. Karsten Dusse schreibt zwischen Scherz, Satire und Thriller buntschillernde und international bestsellende Romane, bei deren Lektüre man sich ausschütten kann vor Lachen über küchentherapeutische Psychotrends aller Art (und ein bisschen natürlich über sich selbst). Mit „Achtsam morden“ sind die Romane überschrieben. Und Guy Ritchie hätte aus ihnen unter Garantie ganz bösartige Hochgeschwindigkeitsmehrteiler gemacht.

Nun gibt’s halt leider keinen deutschen Guy Ritchie, und man muss mit dem leben, was Netflix in Deutschland aus Dusses Büchern macht. Kann man ganz gut. So gut, dass die erste Staffel von „Achtsam morden“ es in 66 Ländern in die Top Ten gebracht hat, beim Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde als beste Comedy-Serie und Netflix schon lange vor dem aktuellen Start der zweiten Staffel eine dritte verkündete.

Dusses achtsamer Mörder heißt Diemel, Björn Diemel. Er ist Rechtsanwalt. Auf dem guten Weg zur Work-Life-Balance, um mit kriselnder Ehe, Kind und scheiternder Karriere klarzukommen, geht er in die therapeutische Mucki-Bude eines Achtsamkeitscoachs mit dem herrlichen Namen Joschka Breitner. Acht halbstündige Folgen später hat er seinen Top-Mandanten, einen Mafia-Boss, in einem Häcksler zerkleinert, im See versenkt und dessen Geschäfte übernommen wie die eines zweiten Verbrechersyndikats, dessen Chef er wiederum im Keller seiner Kindertagesstätte gefangen hält, die er zur Tarnung gegründet hat.

Er plant sehr gern wie ein Schachspieler, was aber regelmäßig schiefgeht und die Zahl der Leichen, die seinen Weg zur inneren Reinheit pflastern, ständig erhöht. Seine Ehe liegt trotzdem in Trümmern, das mit der Work-Life-Balance bleibt ein ferner Traum. Und Joschka Breitner probiert es, um an die tieferen Ursachen von Diemels mal mehr, mal weniger unfreiwilliger Totenproduktion zu kommen, mit dem nächsten Psychobestsellertrend. Was Stefanie Stahl gefühlt Jahrzehnte in den Sachbuch-Top-Ten gehalten hat, müsste doch auch Diemel helfen – der mefistofelische Anwalt soll das innere Kind finden und ihm Heimat geben.

Ausgelöst wird dieser Teil der inneren Reise des Björn Diemel in den Bergen. Da wollte er mit Kind und Frau schöne Erinnerungen teilen – Kaiserschmarrn, Almdudler, Landjäger. Dann ist ihm auf einer Hütte gegenüber vom Wilden Kaiser ein Kellner doof gekommen. Der war dann nicht lange später leider tot, abgestürzt, und Diemel war nicht ganz unschuldig daran.

Es dauert nicht lange, dann ist klar, dass Diemels Kindheit gar nicht so schön war und sein Vater ein schwarzpädagogischer Teufel. Und das innere Kind ist vom psychologischen Phänomen zum dramaturgischen Motor der Geschichte geworden. Zehn Jahre alt, quengelig, anarchisch treibt der immer zur Unzeit auftauchende Knabe – eine Art bösartiger Pumuckl – Björns Durcheinandertal von Leben erst so richtig ins Chaos.

Köpfe rollen, Ohren verlieren ihren natürlichen Anbringungsort, Menschen sterben beiläufig, zu Tschaikowskys Tanz der Schwäne verprügeln Björns Schläger einen Trupp vor Diemels Haus lärmender arabischer Jungs. Die gehören zum Holgersson-Clan, der nach dem schwedischen Däumling heißt, weil ein woker Journalist nicht die wahre Herkunft der kriminellen Großfamilie offensichtlich machen wollte.

Ein Elternbeirat aus der Hölle

„Achtsam morden“ teilt nach allen Seiten aus. Was auch daran liegt, dass sich Doron Wisotzkys Drehbuch – brav der ohnehin schon wilden Vorlage folgend – bewusst die Perspektive seiner mittelständisch diabolischen Hauptfigur zu eigen macht und – auch dank Tom Schillings luftig intensiv immer am Rand der satirischen Selbstentlarvung herumtänzelnden Björn – dem Teufel trotzdem Sympathie verschafft. Der Elternbeirat – eine Bande ökofaxender Mütter, die Björn Diemel die Handgranatengruppe nennt – wird politisch so völlig inkorrekt zerlegt wie die Lebenslüge eines E-Roller-Verleihers.

Die Plura-Zwillinge (Martina führt Regie, Monika die Kamera) zeigen auch diesmal, dass sie alle Regeln der Kunst des gepflegten Durchdrehens einer Geschichte derart gut beherrschen, dass einem die klaftertiefen Logiklöcher fast gar nicht auffallen. Oder, wenn doch, sie einem einigermaßen egal sind. Was auch daran liegt, dass sich ihr Cast geradezu ansteckend lustvoll ins Klischeebällebad begibt, das Dusse ihnen hingestellt hat. Peter Jordan ist ein Achtsamkeitscoach, bei dem man sich sofort bewerben würde und der wunderbare Murathan Muslu – Ex-Gangster und Björns Kita-Leiter mit Wumme im Hosenbund („Soll ich eine Gitarre dabei haben?“) – der ruhende Pol im wilden Spiel. Und auf den Irrsinn, den Bastian Reiber als Björns zentraler Staffelgegner wahrscheinlich mit seinem Gesicht veranstaltet, freut man sich vor jeder Folge.

Für das alles muss man vorher nicht tief einatmen. Oder das innere Kind aufschrecken. Das schaut sich weitgehend rückstandsfrei und ohne Reue weg. Deutsche Cosy-Crime-Comedy kann doch sehr fein sein. Ehrlich.

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