Chroniques de guerre

Droht der Ukraine ein Angriff aus dem Norden?

Droht der Ukraine ein Angriff aus dem Norden?

Während die Ukraine in Donezk unter Druck steht und im Süden den russischen Truppen mit lokalen Gegenangriffen Schwierigkeiten bereitet, richtet sich Wolodymyr Selenskyjs Blick seit Wochen auch nach Norden. Laut Erkenntnissen seiner Geheimdienste erwägt Russland verschiedene Szenarien für eine neue Großoffensive, sagte der ukrainische Präsident – darunter auch einen Einmarsch von Belarus aus, dem engsten russischen Verbündeten und nördlichen Nachbarn der Ukraine. Wie schon in den ersten Tagen des Krieges könne Russland versuchen, von dort aus Richtung Kyjiw zu marschieren, sagte Selenskyj vergangene Woche in einer Videomitteilung. Die nahm er in der Stadt Slawutytsch auf, gut zehn Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. 

Es ist nicht die erste Warnung des ukrainischen Präsidenten, Belarus könne wieder Aufmarschgebiet für einen russischen Angriff werden. Bereits Anfang April schlug er Alarm, Belarus baue die Infrastruktur im Grenzgebiet für Truppenbewegungen aus. Zuletzt häuften sich die Warnungen: 2023 und 2024 habe Selenskyj lediglich ein- bis zweimal jährlich von einem möglichen Kriegseintritt des Regimes von Alexander Lukaschenko oder zumindest von russischen Angriffen aus dessen Gebiet heraus gesprochen, zählte der . Seit Ende 2025 hätten sich die Warnungen des Präsidenten auf eine bis zwei pro Monat erhöht. 

Auch der ehemalige Außenminister Dmytro Kuleba zeigt sich besorgt. Die »Nordfront erfordert erneut die Aufmerksamkeit der Ukraine«, sagte Kuleba. Russland baue die Flugabwehr in Belarus und seine eigene Truppenpräsenz im Land aus – eine »klare Vorbereitung einer militärischen Eskalation«. Der ukrainische General Serhij Najew sprach ebenfalls von der Notwendigkeit, den Schutz des Nordens zu verstärken: Es gebe derzeit »keine kritische Situation«, dennoch würden die ukrainischen Stellungen entlang der belarussischen Grenze ausgebaut und Gebiete vermint. »Eine dauerhafte Präsenz adäquater Kräfte« sei dort nötig, um eine mögliche Offensive abzuwehren. 

Russland nutzte Belarus schon vor Beginn der Invasion 2022 als Aufmarschgebiet. Zahlreiche Großverbände des russischen Militärs wurden unter dem Deckmantel einer Übung in dem Land stationiert; der Angriff auf Kyjiw wurde von Belarus aus geführt. Die Militärübungen in Belarus hatten Lukaschenko die Möglichkeit zur Behauptung gegeben, bis kurz vor der Invasion nichts von Putins Plänen gewusst zu haben. Belarussische Streitkräfte nahmen an der Invasion bis heute nicht teil. 

Äußerungen Lukaschenkos in den vergangenen Wochen scheinen in Kyjiw Sorgen geweckt zu haben, dies könne sich ändern. »Wir bereiten uns auf Krieg vor«, sagte der belarussische Machthaber Anfang April. Am vergangenen Donnerstag wiederholte er den Satz, ergänzt um die Beteuerung, es gehe ihm selbstverständlich nur um Verteidigung. Parallel dazu nahmen belarussische Truppen an einer gemeinsamen Atomübung mit Russland teil, das in den vergangenen Jahren auf dem Gebiet seines Verbündeten Trägerflugzeuge für Atomwaffen, atomar bestückbare Kurzstreckenraketen und, nach Angaben Putins, auch taktische Atomsprengköpfe stationiert hat. Das ukrainische Außenministerium sprach angesichts der Übungen von einer »präzedenzlosen Herausforderung« und warf Lukaschenkos Regime vor, sich an »russischer atomarer Erpressung« zu beteiligen.

Belarus ist dabei nicht nur in den Fokus des Präsidentenbüros in Kyjiw gerückt – sondern auch in Paris. Am Wochenende telefonierte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zum ersten Mal seit 2022 mit Lukaschenko. Er warnte ihn vor den Folgen einer Kriegsbeteiligung. Spätestens damit haben die Spekulationen über derartige Pläne eine neue Stufe erreicht.

Doch wie stichhaltig sind die von Selenskyj deutlich und von Macron indirekt geäußerten Befürchtungen? Dass Lukaschenko ernsthaft erwägt, dem Krieg beizutreten, scheint wenig wahrscheinlich. Die belarussische Armee zählt weniger als 20.000 Soldaten, das Mobilisierungspotenzial des Landes mit neun Millionen Einwohnern ist gering. Die Ukraine hätte mutmaßlich keine Schwierigkeiten, einen Angriff aus dem Norden abzuwehren – selbst, wenn er mit russischen Kräften geführt würde: Nur wenige Straßen durchschneiden das bewaldete und von Sümpfen durchzogene Grenzgebiet. Der Einsatz von Drohnen hat schnelle Angriffe mit Panzerkolonnen weitgehend unmöglich gemacht, selbst auf günstigerem Terrain. 

Auch die von Selenskyj angegebenen belarussischen Maßnahmen, die er als Kriegsvorbereitungen deutet, werden von Experten angezweifelt. So berichten ukrainische Militärs seit Ende 2025 regelmäßig, dass Mobilfunkmasten in Belarus zur Weiterleitung von Signalen an russische Drohnen genutzt würden. Dies könne »weder bestätigt noch ausgeschlossen werden«, teilte der belarussische Thinktank iSANS dem mit. »Abseits von Erklärungen ukrainischer Funktionäre« gebe es dafür keine Belege. Dasselbe gelte für den angeblichen Ausbau von Straßen im Grenzgebiet: Sie gingen nicht über das übliche Maß an Straßenbau hinaus. 

In Minsk sieht man sich als Opfer ukrainischer Provokationen: Allein binnen einer Woche seien 116 ukrainische Drohnen gezählt worden, die angeblich in den belarussischen Luftraum eindringen wollten, behauptete Alexander Wolfowitsch, Sekretär des belarussischen Sicherheitsrats. Auf ukrainischen Truppenübungsplätzen werde zudem die »Einnahme von Gebäuden« im belarussischen Grenzgebiet geübt. Dem Minsker Narrativ, man müsse einen Angriff aus der Ukraine heraus befürchten, dürften die Äußerungen Selenskyjs womöglich sogar nützlich sein. 

Denn der ukrainische Präsident scheut nicht vor Drohungen gegenüber seinem nördlichen Nachbarn zurück: Die Führung in Minsk müsse »auf der Hut bleiben«, sagte er vergangene Woche. Noch viel deutlicher hatte er sich im April geäußert: »Charakter und Folgen der jüngsten Ereignisse in Venezuela«, sagte er mit Blick auf die Entführung von Staatschef Nicolás Maduro durch die USA, sollten »der belarussischen Führung als Warnung dienen«. Robert Brovdi, der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, sagte außerdem: Man habe bereits 500 potenzielle Ziele auf belarussischem Gebiet identifiziert. 

Ex-Außenminister Kuleba geht derweil nicht davon aus, dass es Lukaschenko ist, der Angriffspläne hege. Der seit mehr als 30 Jahren amtierende belarussische Machthaber habe kein Interesse daran, sein Land noch tiefer in den Krieg zu verwickeln. Doch Lukaschenko stehe unter Druck von Putin, warnt Kuleba. Die Massenproteste nach der Präsidentschaftswahl 2020 konnte Lukaschenko nämlich nur mit russischer Hilfe niederschlagen, eine Dauerpräsenz russischer Truppen in seinem Land konnte er nicht verhindern. Wirtschaftlich ist Belarus ebenfalls sehr von Russland abhängig. Der russische Anteil am belarussischen Außenhandel übersteigt die Anteile aller anderen Länder zusammengenommen.

Auch Putin hat immer wieder mit Eskalation reagiert, wenn seine Truppen in der Ukraine unter Druck standen: Nach erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensiven im Herbst 2022 annektierte er vier ukrainische Regionen und gab die Fassade einer »Spezialoperation«, hinter der ein Eroberungskrieg steht, faktisch auf. Im Frühsommer 2024 ließ Putin neue Offensiven im Nordosten der Ukraine starten, als die Eroberung des Donbass nicht im erwarteten Tempo voranging. Auf Waffenlieferungen des Westens an die Ukraine reagierte er mit der Stationierung von Atomwaffen in Belarus. 

Dass ein erneuter Angriff auf Kyjiw kaum Erfolg verspricht, dürfte Putin klar sein. Doch er könnte die Ukraine dazu zwingen, Kräfte aus anderen Landesteilen abzuziehen, wo Russland seit Monaten kaum Gebietsgewinne verzeichnet. Auch frühere Spekulationen über einen möglichen Kriegseintritt von Belarus seien »mit Desinformationskampagnen« zusammengefallen, deren Ziel es gewesen sei, »ukrainische Ressourcen aus dem Donbass abzuziehen, während die Frontsituation sich für die russischen Kräfte verschlechterte«, mutmaßt der polnische Militäranalyst Konrad Muzyka.

Das Institute for the Study of War (ISW) sieht ebenfalls keine Anzeichen für eine Ansammlung russischer Truppen in Belarus, die Vorstufe eines Angriffs sein könne. Dennoch spreche vieles dafür, dass Belarus künftig militärisch eine größere Rolle spielen werde, warnen die US-Experten. Die Behauptungen ukrainischer Provokationen an der Grenze »scheinen die Voraussetzungen dafür zu schaffen, russische Drohnenangriffe auf die Ukraine von Belarus aus zu rechtfertigen«, schrieb das ISW. Das würde Russland erlauben, die Westukraine effektiver anzugreifen, da seine Drohnen von Belarus aus präziser gesteuert werden könnten und viel weniger ukrainisches Gebiet überfliegen müssten, ehe sie im Westen ankämen. Ähnliche Vermutungen äußerten auch Vertreter des ukrainischen Verteidigungsministeriums: Schon jetzt würden russische Drohnen regelmäßig entlang der ukrainisch-belarussischen Grenze fliegen. 

Weswegen die Ukraine dennoch so eindringlich vor angeblichen Angriffsplänen warnt, könnte womöglich die politische Rolle von Belarus erklären. Denn Lukaschenko hat die Amtsübernahme Donald Trumps in den USA geschickt ausgenutzt, um sein Land teilweise aus der internationalen Isolation herauszuführen: Im Austausch für die Freilassung von politischen Gefangenen lockerte Trump Sanktionen gegen Belarus, etwa gegen die Luftfahrtbranche des Landes. Seine Regierung fordert auch europäische Länder dazu auf, ähnliche Schritte zu vollziehen. Doch damit könnten sich neue Möglichkeiten für Russland ergeben, um Sanktionen zu umgehen. Auch wenn die Sorgen vor einem Bodenangriff aus dem Norden derzeit überzogen scheinen: Irrelevant für Russlands Krieg ist das Regime in Minsk bei Weitem nicht.



Das Zitat: Die nächste Kriegsphase

Seit Monaten erobert Russland in der Ukraine kaum noch Gebiete. An mehreren Frontabschnitten, vor allem in der Südukraine, gelingen ukrainischen Truppen hingegen lokale Rückeroberungen. Ukrainische Drohnenangriffe in einer Tiefe von bis zu 200 Kilometern auf besetztem ukrainischen Gebiet und russischen Grenzregionen – sogenannte Middle Strikeserschweren die russische Militärlogistik. Vor allem attackiert die Ukraine dabei den russischen Nachschub entlang der Küste des Asowschen Meeres zwischen dem Donbass und der Krim.

Die Regierung in Kyjiw spricht von einer »Stabilisierung« der Front, in zahlreichen Berichten wird über eine mögliche Kriegswende spekuliert. Zwar bleibt die Aussicht auf größere ukrainische Rückeroberungen, wie zuletzt in der zweiten Jahreshälfte 2022, vorerst gering. Doch zahlreiche Experten sind sich größtenteils einig: Der Charakter des Krieges hat sich verändert. George Barros vom ISW sieht in diesen Entwicklungen einen Wendepunkt – und zieht ein Fazit aus den vielen einzelnen Beobachtungen der vergangenen Monate: 


Die wichtigsten Meldungen: Drohne in Rumänien, Raketenangriffe und Kampfjets

Rumänien: In der Nacht zum Freitag ist eine russische Drohne in ein Wohnhaus im rumänischen Galați nahe der Grenze zur Ukraine eingeschlagen. Vier Menschen wurden verletzt. Damit hat erstmals seit Kriegsbeginn ein russischer Flugkörper zu Verletzungen von Personen auf Nato-Gebiet geführt. Rumäniens Regierung schloss als Reaktion darauf das russische Konsulat und wies den Konsul aus. 

Kyjiw: Die ukrainische Hauptstadt war am Wochenende Ziel eines der bisher schwersten russischen Luftangriffe auf die Ukraine. Russland setzte dabei nach Angaben aus Kyjiw 600 Drohnen, 54 Marschflugkörper und 33 ballistische Raketen ein. Darunter war auch, zum dritten Mal seit Kriegsbeginn, die Mittelstreckenrakete Oreschnik, die südlich von Kyjiw einschlug. Russland bestätigte den Einsatz der Rakete, nicht jedoch einen von ukrainischen Militärbloggern berichteten möglichen Einsatz einer zweiten Oreschnik-Rakete, die über russisch besetztem Gebiet in der Region Donezk abgestürzt sein soll. In Kyjiw wurden bei den Angriffen drei Menschen getötet und mehr als 90 verletzt.

Kampfjets: Schweden hat dem Verkauf von 20 Kampfjets des Typs Gripen an die Ukraine zugestimmt. Die Jets gelten durch vergleichsweise einfache Wartung und niedrige Anforderungen an die Infrastruktur als besonders gut geeignet für die ukrainische Luftwaffe. Im vergangenen Herbst hatten Schweden und die Ukraine eine Absichtserklärung über den Verkauf von bis zu 150 Gripen-Kampfflugzeugen unterzeichnet. Die nun zunächst 20 angekündigten Jets der modernen Varianten Gripen-E und -F sollen ab 2030 in die Ukraine geliefert werden.

Zusätzlich gibt Schweden 16 Jets der älteren Typen Gripen-C und -D als Militärhilfen an die Ukraine ab – laut dem schwedischen Regierungschef Ulf Kristersson bereits Anfang 2027. Nach der US-amerikanischen F-16 und den älteren französischen Mirage-Jets ist Gripen der dritte Kampfjet-Typ aus westlicher Produktion, mit dem die ukrainische Luftwaffe verstärkt werden soll. Die schwedischen Maschinen dürften vor allem für den Abschuss russischer Marschflugkörper eingesetzt werden.

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