Das verlorene Finale in der European League gegen Melsungen (23:24) war für den THW Kiel mehr als nur eine Niederlage. Es könnte das Ende einer Ära sein. Erstmals seit 1993 droht dem deutschen Rekordmeister eine Saison ohne internationalen Wettbewerb. Während Magdeburg, Berlin und Melsungen wohl in der Champions League spielen und Flensburg, Gummersbach sowie Pokalfinalist Bergischer HC für die European League qualifiziert sind, geht Kiel als Tabellenfünfter der Handball-Bundesliga aktuell leer aus. Das bestätigte die EHF auf BILD-Anfrage. Für Andreas Wolff, Julian Köster, Lukas Zerbe und Co. hieße das: ein halbes Jahr vor der Heim-WM keine internationale Bühne.
THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi (47) hatte sich mit der Möglichkeit schon länger beschäftigt. Szilagyi zu BILD: „Spätestens seit dem DHB-Pokal-Final4 war das auch eines der Szenarien. Es ist Teil meines Jobs, mich mit allen möglichen Varianten und Konstellationen auseinanderzusetzen. Deshalb war mir klar, dass es diese drei Möglichkeiten gibt: im besten Fall die Champions League, die European League oder eben auch die Konstellation, dass wir komplett rausrutschen können.“
Die Folgen wären nicht nur sportlicher Natur. Auch wirtschaftlich müsste sich der Klub, der am Mittwoch sein letztes Auswärtsspiel in Minden (19 Uhr, live bei Dyn/Anzeige) bestreitet, auf eine neue Realität einstellen. „Jetzt müssen wir uns intensiver mit den möglichen Konsequenzen und der Frage, wie das für uns wirtschaftlich händelbar sein könnte, beschäftigen“, bestätigt Szilagyi. „Das Final4 war natürlich ein Highlight. Am Ende des Tages ist die European League auch ein Wettbewerb, in dem es vielleicht keine hohen Prämien zu verdienen gibt, der aber sportlich natürlich reizvoll ist. Wirtschaftlich kostet er Geld, belastet das Budget durch Kosten für die Heimspiele, aufwendige und daher sehr teure Reisen und weitere Aufwendungen.“
Gleichzeitig würde dem THW aber ein wichtiger Baustein wegfallen. Szilagyi: „Diese Kosten würden bei einer Konstellation, in der der THW Kiel nicht in einem internationalen Wettbewerb spielt, wegfallen. Auf der anderen Seite haben wir den internationalen Wettbewerb aber auch vermarktet. Von einigen dieser Partner gab es bereits Signale, dass sie uns weiterhin unterstützen würden. Trotzdem wäre es ein Einschnitt.“ Für den Rekordmeister (23 Titel) wäre das ein Zustand, den viele jüngere THW-Fans gar nicht kennen. Seit Jahrzehnten gehören die europäischen Abende zum Selbstverständnis des Klubs.
Nationalspieler Rune Dahmke (33), Europameister 2016, spielt seit seinem 15. Lebensjahr für Kiel und hatte auf die Champions-League-Quali gehofft. Dahmke zu BILD: „Die Enttäuschung ist extrem. Trotz einer sehr schwankenden Leistung in der Bundesliga hättest du nächstes Jahr in der Champions League antreten dürfen. Ich glaube, das hätte eine große Bedeutung für uns gehabt, aber auch für den Verein und die Stadt.“ Dass Kiel nun sogar komplett aus Europa fallen könnte, schmerzt ihn besonders: „Ja, extrem brutal. Du läufst auch einer gewissen Vereinshistorie hinterher. Keiner will das, und alle versuchen, sich dagegen aufzubäumen. Wenn du dann aber den Erwartungen nicht gerecht wirst, tut das uns als Spielern brutal weh.“
Für den THW bleibt nur die Hoffnung, dass die EHF den Klub doch noch per Wildcard in einen europäischen Wettbewerb aufnimmt. Endgültige Klarheit dürfte es erst nach der Veröffentlichung aller Teams und Los-Töpfe am 7. Juli geben.