Kultur

Der Gelegenheitsheld

Der Gelegenheitsheld

Anfang der Neunzigerjahre suchte Steven Spielberg nach einer Besetzung für Dr. Alan Grant, den introvertierten Paläontologen, der die Touristen in „Jurassic Park“ vor den Dinosauriern rettet. Der Schauspieler durfte kein klassischer Held, musste aber zu entschlossenem Handeln in der Lage sein. Jemand empfahl Spielberg, den australischen Film „Totenstille“ anzusehen, in dem ein Ehepaar eine Segeltour mit seiner Yacht im Pazifik unternimmt. Von einem havarierten Schoner nimmt es einen Schiffbrüchigen an Bord, der sich aber als Mörder herausstellt. Und damit beginnt auf hoher See ein archaischer Überlebenskampf. In dessen Zentrum: Sam Neill.

In „Jurassic Park“ fand er eine ähnliche Konstellation vor: einen isolierten Ort (eine Insel), eine tödliche Bedrohung (die Velociraptoren) und einen entschlossenen Gelegenheitshelden (Dr. Grant). Mit ihm kam der Junge von der weltabgewandten Südinsel Neuseelands, der als Kind gestottert und in der Schule seinen piekfeinen Vornamen „Nigel“ in das proletarische „Sam“ geändert hatte, auf der Kinoweltbühne an.

Dr. Grant – Harrison Ford hatte ihn abgelehnt – sollte ihn nie verlassen, Neill stellte ihn in zwei Sequels und drei Videospielen dar und sagte über ihn in einem Interview: „Ich finde immer, Alan Grant ist wie ein altes, bequemes Paar Stiefel. Sie haben schon bessere Zeiten gesehen, aber sie sind wirklich bequem, und man würde sie auf keinen Fall wegwerfen.“

„Jurassic Park“ kam 1993 ins Kino, dem Annus mirabilis von Neills Karriere, in dem auch „Das Piano“ entstand. Neill ist darin ein emotional verkrüppelter Landbesitzer im 19. Jahrhundert, an den eine stumme Frau zur Heirat verkauft wird. Als er entdeckt, dass sie ihm untreu war, hackt er ihr einen Finger ab. Im selben Jahr in dem kommerziell erfolgreichsten Film des Jahres und in dem künstlerisch erfolgreichsten jeweils die Hauptrolle zu spielen, ist wohl keinem anderen gelungen.

Nicht zwei von Neills Filmen – „Jurassic Park“ ausgenommen – ähnelten einander. Der Verehrer in „Meine brillante Karriere“, den seine Angebetete zugunsten einer Schriftstellerkarriere verschmäht. Der Berliner Body-Horror-Film „Possession“. Der Antichrist in „Omen III“. Der Spion in der Serie „Reilly, Ace of Spies“, die ihm das Angebot einbrachte, Roger Moore als James Bond zu beerben (was er zum Glück ablehnte).

Eine Henne namens Meryl Streep

Der Ehemann in „Ein Schrei in der Dunkelheit“, der zusammen mit seiner Frau angeklagt wird, ihr Baby getötet und dessen Verschwinden auf wilde Tiere geschoben zu haben. Der russische Kapitän in „Jagd auf Roter Oktober“. Der englische König Charles II. in „Restoration – Zeit der Sinnlichkeit“. Der Vater von Scarlett Johansson im „Pferdeflüsterer“. Der brutale Polizeiinspektor in der Serie „Peaky Blinders“.

Man könnte die These aufstellen, dass Neill als loyale Stütze großer weiblicher Stars am besten war. Für Judy Davis in „Meine brillante Karriere“, für Isabelle Adjani in „Possession“, für Meryl Streep in „Ein Schrei in der Dunkelheit“ und „Eine demanzipierte Frau“, für Nicole Kidman in „Totenstille“ und, wenn man so will, für die Dinosaurierinnen in „Jurassic Park“.

Sam Neill gehörte zu der exklusiven Schar von Schauspielern und Regisseuren, die sich als Winzer betätigen: Francis Ford Coppola, Antonio Banderas, Brad Pitt, Drew Barrymore, Gérard Depardieu. Rund um sein Anwesen im Süden der Südinsel hielt Neill einen kleinen Zoo, darunter ein Schwein namens Anjelica Huston, eine Kuh namens Helena Bonham Carter, einen Hahn namens Michael Fassbender und eine Henne namens Meryl Streep, die aber einem Frettchen zum Opfer fiel.

Keiner der Kollegen nahm ihm das übel. Dazu war Neill viel zu ironisch, zu trocken und zu lakonisch. In seinen Memoiren „Did I Ever Tell You This?“ berichtete er von einem peinlichen Erlebnis, als er mit einem geliehenen Porsche morgens durch London fuhr. An einer Ampel wurde er von Judy Davis erkannt, die an sein Autofenster klopfte und ihn zurechtwies: „Nein, Sam. Nein. Nicht du, Sam. Nicht du.“

An diesem Montag ist Sam Neill, der fast 160 Filme drehte, im Alter von 78 Jahren in Sydney gestorben.

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