Zu jeder Frankfurter Buchmesse gehört die Frage, wie politisch sie in diesem Jahr sei. Meist entscheidet sich die Antwort danach, ob es eine besonders kontroverse Eröffnungsfeier gegeben hat, auf dem Messegelände protestiert wird, neurechte Verlage prominent platziert sind oder danach, wie einig sich der deutsche Literaturbetrieb darin ist, dass man in der knappen Woche nichts Geringeres tut als zwischen Lesungen, Podiumsdiskussionen und Weißwein-Empfängen die Demokratie zu retten.
Dabei hinterlässt seit der Gründung der Buchmesse 1949 die Weltpolitik ihre Spuren. Im Jahr 1989 konnte Václav Havel den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nicht persönlich in der Paulskirche entgegennehmen, weil ihm die Ausreise aus der Tschechoslowakei verweigert wurde. Im selben Jahr erließ Ayatollah Khomeini eine Fatwa gegen Salman Rushdie wegen dessen Roman „Die satanischen Verse“. 2015 war Rushdie, inzwischen längst nicht mehr einfacher Schriftsteller, sondern wider Willen die personifizierte Kunstfreiheit, Ehrengast der Buchmesse. Daraufhin sagte der Iran seine Teilnahme ab. Als Rushdie 2023 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, ein Jahr nach dem Attentat, das ihn fast das Leben gekostet hatte, hielt er unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen eine große, bewegende Rede auf die Literatur als Voraussetzung für freies Denken.
Im selben Jahr, wenige Tage nach dem 7. Oktober, wurde die Verleihung eines Literaturpreises auf der Buchmesse an die palästinensische Autorin Adania Shibli verschoben. Auf der Eröffnungsfeier hatte Slavoj Žižek über den Angriff der Hamas und die israelische Reaktion gesprochen, wurde aus dem Publikum unterbrochen und vom Messechef Jürgen Boos aufgefordert, seine Rede zu Ende zu führen. Es war, rückblickend, ein bemerkenswerter Moment: die öffentliche Aufforderung, eine Meinung zu hören, obwohl man sie vielleicht nicht teilt.
Insel der Moral und Menschlichkeit
Auch in diesem Jahr wurde wieder beschworen, dass es die Freiheit des Wortes zu verteidigen gelte. Der nach 21 Jahren aus dem Amt scheidende Leiter der Buchmesse, Jürgen Boos, berief sich auf Milan Kundera, dessen Literatur einen lehre, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Die tschechische Autorin und Hauptrednerin Radka Denemarková erklärte, sie könne Literatur und Politik nicht trennen, wobei sie Literatur als Insel der Moral und Menschlichkeit verstanden wissen wollte. Wie die aber genau aussehen, ist bekanntlich Ansichtssache.
Am israelischen Stand sagt am 7. Oktober Sigalit Gelfand, die das Institute for Hebrew Literature verantwortet, es sei derzeit unglaublich schwer, israelische Bücher ins Ausland zu verkaufen. Dabei sei israelische Literatur „vielfältig, lebendig und tief in der israelischen Gesellschaft verwurzelt“ und setze sich „mit der komplexen Realität auseinander, in der wir leben“. Gelfand bestätigt die Eindrücke der von der amerikanischen Schriftstellervereinigung PEN herausgebrachten Studie, wonach es für jüdische und insbesondere israelische Autoren nach dem 7. Oktober schwieriger geworden sei, ausländische Verlage zu finden.
Verlässliche empirische Daten seien schwer zu erheben, aber der Eindruck eines Boykotts sei zutreffend, so Gelfand. Ihr selber sei nahegelegt worden, nicht zur Kinderbuchmesse in Bologna zu kommen, „obwohl dort keine politischen, sondern Kinderbücher“ verkauft werden. Sie freue es, dass die Lage in Frankfurt offenbar eine andere sei; am Vormittag waren eine offizielle Delegation vom Börsenverein, der Frankfurter Bürgermeister und die Kulturdezernentin am Stand gewesen. Israel sei im Krieg, sagt Gelfand, und in einem Krieg gebe es nur zwei Seiten. Die Literatur aber zeige andere Welten und vielfältige Wahrnehmungen, das sei doch gerade ihre Qualität.
Vermutlich ist die Buchmesse in diesem Jahr eben gerade nicht da politisch, wo auf einem Podium über Demokratie gesprochen wird, sondern im Verborgenen. Da, wo ein Agent, ein Lektor ein Manuskript bekommt und sich fragt, ob er es heute noch veröffentlichen kann. Für die Literatur wird es allenthalben schwerer, ihren Eigensinn zu verteidigen – nicht, weil sie unpolitisch wäre, sondern weil sie sich weigern muss, nur politisch gelesen zu werden.