Kultur

Trau nicht der Pharma-Industrie, trau diesem Buch

Trau nicht der Pharma-Industrie, trau diesem Buch

Also, ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber hier werden allmählich wieder alle krank. Es geht auf Weihnachten zu, und die Leute husten sich eins. Falls es Sie erwischen sollte, vergessen Sie am besten alle Mittel der Pharmaindustrie.

Davon kriegt man nur einen Laberflash, läuft beduselt herum und muss sich von alternativen Apothekerinnen mit furchtbaren Haaren als Lohnsklave des internationalen Großkapitals beschimpfen lassen, weil man dieses Zeugs nur schluckt, damit man arbeitsfähig wird, obwohl man eigentlich ins Bett gehört.

Woher wir das wissen? Aus dem Mittel, das wirklich gegen Grippe hilft. Hat der Katarrh einen nämlich heimgesucht, nimmt man am besten eine Wärmflasche, einen Tee und Sven Regeners „Frankie und Freddie“ und fiebert eine Nacht lang durch ein Berlin, das man nie kennengelernt hat.

Frankie und Freddie, darauf zu kommen, ist nicht allzu schwer, wenn man von den Romanen des Element-of-Crime-Masterminds oder von Leander Hausmanns „Herr Lehmann“-Film auch nur gehört hat, sind die Lehmann-Brüder Frank und Manfred, aufgewachsen in Bremen, mehr oder weniger erwachsen geworden im bohemischen Berlin.

Als uns Sven Regener 2001 das erste Mal in den Mahlstrom des mäandernden und magischen Denkens von Frank Lehmann gesogen hat, ging die Frontstadt, in der es sich Welt- und Republikflüchtlinge aller Art in einer besonderen Form der politischen Postpubertät über Jahrzehnte so richtig gemütlich gemacht hatten, in ihrer bis dahin bekannten Form gerade unter. Mit dem Mauerfall änderte sich der Kosmos der Gebrüder Lehmann und ihrer Freunde. Regener schrieb die Geschichte rück-, vor- und seitwärts weiter. Keine klassische Chronik, keine historische oder politische Studie. Eher eine Botanisiertrommel der Befindlichkeiten, der Begriffe und einer untergegangenen Kultur voller bunt schillernder, heute fremder Blüten.

In seinen Dreißigern war Frankie am Anfang der Lehmann-Legende. Jetzt ist er zwanzig. Es ist der Tag vor dem Heiligen Abend des Jahres 1980. John Lennon wurde gerade in New York erschossen. Frankie hat seit ein paar Wochen das WG-Zimmer seines Bruders bezogen.

Der liegt benebelt in einem Ku’damm-Hotel, weil er an einem Pillenprojekt teilnimmt, so einem „psychopharmazeutischen Versuchsdingens“. Kriegt man Geld für. Es ist scheißekalt und scheißeversmogt. Wie eine gelbe Kuppel hängt der Himmel über der Stadt. Berlin ist grau und bunt und riecht komisch. Und dann schneit’s auch noch.

Die Geschichte ist eigentlich keine. Frankie will Freddie vom Ku’damm abholen. Der ist geistig noch ganz wackelig auf den Beinen, vorm U-Bahn-Fahren hat er Panik, vorm Taxifahren auch. Der alte Kadett springt nicht an, sie sind mit der Kastenente ihres gerade in der Schneeräumbranche tätigen Kumpels unterwegs. Und dann geht alles schief. Freddies Tasche ist weg. Die braucht er aber, weil er ein Stipendium in New York bekommen hat, und alles, was er zum Fliegen braucht, ist da drin.

Das endlos schwurbelnde Denken

Wir sitzen wieder irgendwo hinter den Augen im Hirn des Frank Lehmann und hören ihm beim endlos schwurbelnden Denken zu. Und während das Lehmann-Consortium auf einer kurvenreichen Odyssee der Spur der Tasche hinterher durch das alte West-Berlin jagt (naja – das Tempo ist nicht so atemberaubend wie der sprachliche Irrwitz des Sven Regener), geschieht in Regeners seitenlangen Sätzen nichts und alles.

Die Liebe tritt in Frankies Leben, das Geschwisterverhältnis wird neu verhandelt, Saxofonisten spielen Weihnachtslieder, alte Rechnungen werden aufs Tapet gebracht, Eckstein No. 5 wird geraucht, an Geisterbahnhöfen vorbeigerauscht, allerlei seltsame Worte werden aufgesammelt und in revolutionären Apotheken Gespräche mit Extrem-Linken geführt, die ganz wehmütig machen ob ihrer dialektischen Lustigkeit und Schärfe.

War schön schrecklich im alten Westen. Es wird einem so warm ums Herz und Hirn, dass man ganz vergisst, warum man diese blöde Wärmflasche auf dem Bauch und die Tasse in der Hand hat. Sven Regener hilft einfach gegen alles.

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