Im Mai 1976 erschien im Verlag der University of Chicago ein Buch mit drei autobiografischen Erzählungen eines kurz zuvor in den Ruhestand gegangenen Literaturdozenten: „A River Runs Through It and Other Stories“ lautete der Titel. Es war eine doppelte Premiere, denn es handelte sich nicht nur um ein spätes Debüt, sondern auch um das erste Mal, dass der Uni-Verlag überhaupt Belletristik publizierte; kein anderer Verlag hatte das Buch machen wollen.
Der damals schon 73-jährige Norman Maclean erinnert sich in seinen Texten an seine jungen Jahre in Montana, wo er als Sohn eines presbyterianischen Pfarrers aufwuchs. Zwei Texte des Bandes erzählen von Macleans Zeit beim US Forest Service; in der Titelgeschichte geht es ums Fliegenfischen in den wilden Flüssen der Rocky Mountains.
„A River Runs Through It“ handelt vom Fliegenfischen ungefähr so, wie Herman Melvilles „Moby Dick“ vom Walfang erzählt. Der Leser erfährt alles über diese höchst anspruchsvolle, einst vom Vater Maclean an seine beiden Söhne weitergegebene Kunst, in der Normans jüngerer Bruder Paul ein unerreichter Meister wird. Tatsächlich aber geht es um Erinnerung und Identität, um Reue und Liebe. Und um die Sprache und die Natur, die beide einer gemeinsamen Quelle, dem göttlichen Logos, entspringen.
Die Erzählung kreist um das traumatische Ereignis der Maclean-Familie, die brutale Ermordung des Bruders, eines Investigativjournalisten und genialen, aber innerlich haltlosen Draufgängers, der dem Alkohol und der Spielsucht verfällt. Maclean setzt ihm aus liebender Erinnerung ein strahlend leuchtendes Denkmal.
Pauls in wenigen Sätzen und spät abgehandeltes tragisches Ende ist eingewoben in eine kunstvolle Textur aus Erinnerungsfäden, aus vermeintlich banalen Anekdoten, aus Familienklatsch und Kneipengerede: ein Musterbeispiel an ultrapräzisem, ökonomischem Storytelling. Der Autorenkollege Wallace Stegner hat einmal geradezu neidisch die virtuose Technik analysiert, mit der Maclean seine Motive – wie ein Fliegenfischer seine Köder – über der Oberfläche tanzen lässt.
Der Schauplatz des Geschehens, die erhabene Bergwelt des amerikanischen Westens, wird in eine religiöse Dimension erhoben, indem Maclean sie mit seiner Sprachkraft durchsichtig werden lässt für den in aller Materie wirkenden Geist. „In unserer Familie gab es keine klare Trennung zwischen Religion und Fliegenfischen“, lautet der erste Satz.
Maclean wurde in kürzester Zeit von einem No-Name zu einer Legende. Das Buch wurde ein Bestseller, schließlich von Robert Redford verfilmt mit Brad Pitt als Paul. Maclean starb 1990, mit 87. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter der „American Western Literature“. Zu Lebzeiten erschien kein weiteres Buch, obwohl er noch den dokumentarischen Roman „Young Man and Fire“ über eine Waldbrand-Tragödie von 1949 fertig hatte. Auf Deutsch sind seine Werke längst vergriffen. Das sollte sich ändern: Jeder Satz Macleans ist eine Offenbarung.