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Vergesst die Arbeiterklasse! Die Zukunft gehört den Luxus-Proletariern

Vergesst die Arbeiterklasse! Die Zukunft gehört den Luxus-Proletariern

Manchmal braucht es einen Rockstar mit Hang zur Weltrettung, um die Verwerfungen unserer Zeit zu erklären. Gordon Sumner, besser bekannt als Sting, hat den Grund für das Problem der „toxischen Männlichkeit“ dingfest gemacht: Der moderne Mann arbeitet nicht mehr mit den Händen.

Es fehlt an Schweiß, Ruß und dem besinnlichen Moment, in dem man morgens um sechs die verbeulte Brotdose aufklappt, die aussieht, als hätte sie den britischen Bergarbeiterstreik von 1984 miterlebt. Der Mann, so lässt sich Stings kulturkritische Diagnose zusammenfassen, ist nicht an Instagram, Andrew Tate oder der Erfindung des E-Scooters zerbrochen. Er leidet darunter, dass er keinen Stahlträger mehr anschreien darf.

Anlässlich des London-Starts seines Musicals „The Last Ship“ über nordenglische Werftarbeiter betrauert Sting den Untergang der Schwerindustrie. Weil der zeitgenössische Mann keine Schiffe zusammenschweißt und keine Kohle aus dem Flöz klaubt, staut sich die maskuline Energie wie in einem Hochofen. Früher gab es die Solidarität der Arbeiterklasse, heute nur noch das einsame Starren auf den Monitor. Wir haben die Werft gegen WeTransfer getauscht, den Heizkessel gegen das Homeoffice. Und wo es früher in den Schacht ging, taucht der Mann heute im Slack-Kanal „#mental-health-awareness“ ab.

Man könnte diese Romantisierung des Bandscheibenvorfalls belächeln. Nehmen wir sie aber einen Augenblick ernst – immerhin kommt sie von jemandem, der seit Jahrzehnten so aussieht, als würde er sich allein von Tantra-Yoga, biodynamischem Barolo und moralischer Überlegenheit ernähren. Was also passiert, wenn man Stings These auf die hypermoderne Speerspitze der globalen Wertschöpfung anwendet?

Dafür richten wir den Blick nach Südkorea, in die klinisch reinen, garantiert schweißfreien Werkshallen von Samsung. Dort drohte jüngst der ultimative Hightech-Klassenkampf der Generation KI. Rund 48.000 gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter standen davor, die Arbeit niederzulegen. Man sah vor dem inneren Auge die Barrikaden brennen, kunstvoll aufgetürmt aus USB-C-Kabeln, besetzt mit sanft wippenden Programmierern auf ergonomischen Sitzbällen, vereint im Update des klassischen Schlachtrufs „Alle Räder stehen still“: „Alle Server wechseln in den Stand-by-Modus“.

Es ging mitnichten um Asbestdämpfe. Niemand forderte in der Teeküche, zur seelischen Erbauung einen Erzbrocken zu stemmen. Es ging um den ganz großen Reibach. Weil die Gewinne des Halbleiter-Riesen geradezu obszön explodiert sind – der Betriebsgewinn lag beim Achtfachen des Vorjahres –, forderte die Belegschaft ihren Anteil vom Chip-Kuchen.

Der Konzern schüttete daraufhin panisch eine Geldlawine aus. Ende der Woche stand die Einigung, die Champagnerkorken knallten im Reinraum. Neben einer saftigen Lohnerhöhung bekommt die Belegschaft mehr als zehn Prozent des Unternehmensgewinns überwiesen. Im Schnitt entfällt auf jeden der rund 78.000 Berechtigten eine Jahresprämie von knapp 300.000 Euro – zusätzlich zum Gehalt.

Angesichts dieses historischen Triumphs der Arbeiterschaft müssten Marx und Engels ihren berühmten Claim umtexten. Statt „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten“ eher: „Die Halbleiter-Ingenieure haben nichts zu verlieren außer einer Prämie, mit der man in Berlin fast eine Zweizimmerwohnung in Charlottenburg bekommt.“ Weil das nicht so cool klingt, hätten sich die beiden Spin-Doctors des Kommunismus wohl schnell in Seoul beworben.

Zumindest müsste Sting einsehen, dass die Tech-Gewerkschaften des Turbo-Kapitalismus eine effizientere Form der Verbundenheit etabliert haben als die Kumpel von anno dazumal: die Solidarität des kollektiven Reichtums. Statt Ozeandampfer zu vernieten, hält man einfach so lange eisern zusammen, bis sich jeder ein eigenes Boot kaufen kann.

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