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Warum Männer beim Deutschen Filmpreis nur noch stören

Warum Männer beim Deutschen Filmpreis nur noch stören

„Die Vergangenheit vergeht nicht. Sie kehrt als Echo zurück“ – so lautet das Motto von Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“, das beim Deutschen Filmpreis am Freitagabend mit zehn Lolas durchmarschierte und die Konkurrenz alt aussehen ließ. Oder wie es im Film eines der vier Mädchen sinngemäß ausdrückt, die die mäandernde Geschichte durch ein deutsches Jahrhundert begleiten: „Es ist komisch, wie einen etwas verletzen kann, was es gar nicht mehr gibt.“

Beide Sätze hätten auch als Motto über dem Abend stehen können. Wer der bald fünfstündigen Show im Palais am Funkturm folgte, auf engen Sitzen eingepfercht, konnte den Eindruck gewinnen, in Deutschland im Jahr 2026 herrsche ein bitterer Generalverdacht der Frauen gegen die Männer.

Das wurde selten explizit, dominierte als Leitmotiv aber den Abend – wie der Geist, der in Schilinskis Film umgeht und dem die jungen Frauen Generation um Generation scheinbar grundlos in den Tod folgen. Los ging es mit den Buhrufen, mit denen Wolfram Weimer empfangen wurde, der unglücklich agierende Kulturstaatsminister, der zwar ein wegweisendes Gesetz zur Filmförderung auf den Weg gebracht hat, aber in der Debatte um die Auszeichnung linker Buchhandlungen und jener um eine Ablösung von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Fingerspitzengefühl vermissen ließ.

„Iris, warum bist du eigentlich nicht Kulturstaatsministerin?“, witzelte Moderator Christian Friedel im Vorübergehen Richtung Iris Berben. Friedel kennt sich aus mit der ganzen Spanne der Männlichkeit. In „Zone of Interest“ spielt er das hermetische Monster Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz, in der Serie „White Lotus“ den zuckersüß-schüchternen Manager eines Luxusresorts in Thailand. Als Moderator beherrscht er die ganze Palette vom frotzeligen Zwischenruf, sächsisch gefärbt, über einen protestantischen Pfarrer-Sound bis hin zum glockenhellen Falsett – etwa beim Roberta-Flack-Cover „The First Time Ever I Saw Your Face“ mit seiner Band „Woods of Birnam“.

Der „Beste Dokumentarfilm“ wurde von Collien Fernandes präsentiert, deren Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen, er habe sie digital sexuell erniedrigt, derzeit die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Für ihr Erscheinen gab es Standing Ovations. Den Sieg trug „Dance Around the Self“ über Siri Hustvedt davon.

Bei der Verleihung des Bernd-Eichinger-Preises sah das Publikum gnädig darüber hinweg, dass sich Katja und Nina Eichinger in bizarren Metaphern ergingen: Das Produzenten-Duo Thomas Wöbke und Philipp Trauer sei „Käse und Brot“. Dafür traf die kollektive Missbilligung Leander Haußmann, der in seiner Laudatio für die beste männliche Hauptrolle pointiert begann, sich aber in persönlichen Assoziationen verlor.

Unruhe im Parkett – „Wer ist das überhaupt?“ –, bis Haußmann prüfend in den Saal spähte. Bei August Diehl, dem letzten Nominierten, machte er es kurz – und ward nicht mehr gesehen. Diehl gewann für seine grandiose Darstellung von Josef Mengele, des alternden Schlächters von Auschwitz, der sich im Exil versteckt, bis er selbst zu einem jener Geister wird, wie sie in Mascha Schilinskis Hof in der Altmark umgehen. „In die Sonne schauen“ gewann diese Lola wohl nur deswegen nicht, weil der Film auf männliche Hauptdarsteller verzichtet.

Es wurde allmählich absurd, als Kabarettistin Gisa Flake zur Melodie von „Goldeneye“ sang: „Ihr ahnt ja niiiiicht“, wie viele Männer schon wieder in der nächsten Kategorie nominiert seien. Es ging um die beste Tongestaltung, ein technisches Gewerk, in dem Männer traditionell stark vertreten sind. Es gewann wie praktisch immer „In die Sonne schauen“.

Simon Verhoeven und İlker Çatak, die Regisseure der anderen beiden vielfach nominierten Filme, „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ beziehungsweise „Gelbe Briefe“ schauten gequält in die Röhre. Verhoevens Meyerhoff-Verfilmung wurde immerhin mit zwei Preisen bedacht: die 85-jährige Senta Berger – im Nebenjob die Mutter des Regisseurs – in ihrer ersten Lola-Nominierung überhaupt (beste weibliche Nebenrolle) und Michael Wittenborn (beste männliche Nebenrolle). „Gelbe Briefe“, immerhin Berlinale-Gewinner, musste sich mit einer einsamen Trost-Lola für die beste Musik begnügen. Zuvor hatte Haußmann Çataks Namen wiederholt falsch ausgesprochen, sodass der Regisseur bedient war. Wenigstens bekam sein Produzent später die Silberne Lola für den (zweit-)besten Film.

Zwischendurch hielt Ehrenpreisträger Wim Wenders eine Mea-culpa-Rede, in der er sich wortreich dafür rechtfertigte, in seinem Film „Falsche Bewegung“ 1975 die damals 13-jährige Nastassja Kinski mit nacktem Oberkörper gezeigt zu haben. „Ich wusste nicht genug von Frauen. Ich kannte die Seele einer Frau nicht. Das ist eine große Lektion im Leben eines Filmemachers, dass man erkennt, man kann nicht alles.“ Er habe dann zehn Jahre lang nur mit Männern gearbeitet. Und zwar nicht, um „Männerklischees zu wiederholen, sondern um das zu tun, was zur selben Zeit Frauen in der ganzen Welt angefangen haben: Filme zu machen, die das Frauenbild infrage stellen und ein neues aufbauen. Ich habe Filme gemacht mit Männern, um Männer infrage zu stellen.“

Große Begeisterung im Saal. Wie sich bei Gesprächen auf der Party danach herausstellte, kannten viele den Kontext nicht. Kinski erhebt Vorwürfe gegen Wenders, der sich seit Jahren weigere, die Szene nachträglich zu tilgen. Ihr Anwalt Christian Schertz schließt den Rechtsweg nicht aus. Das hat die „Süddeutsche Zeitung“ in den vergangenen Tagen gleich in zwei großen Artikeln befeuert. Wenders mag sich also im Zugzwang gefühlt haben.

Seine Antwort war der Versuch, die Verantwortung zu vergemeinschaften: „Wir leben in einer völlig anderen Welt als vor 50 Jahren. Dem jungen Mann vor 50 Jahren kann ich keinen Vorwurf machen. Er hat einen Film in seiner Zeit gemacht.“ Die Frage, wie man mit einem solchen Erbe umgehe, gehe alle an: „Darf man, kann man, soll man eine Szene schneiden, die einer Schauspielerin wehtut? Ich möchte das nicht alleine tragen, denn angenommen, ich kürze den Film, ist das ein Präzedenzfall, der euch alle betrifft.“ Wenders appellierte an die Filmakademie, „eine Diskussion herzustellen“.

Das wirkte so ehrlich, wie es strategisch schlau war. Zugleich war es die ausdrücklichste Einlassung zum allgegenwärtigen Unbehagen der Geschlechter. Als Ingo Fliess, Produzent von „Gelbe Briefe“, schließlich verkündete, er „liebe, wie frei dieses Land ist; wahrscheinlich kann man nirgendwo besser arbeiten als hier“, erinnerte man sich: In Deutschland regieren ja gar nicht die Taliban. Die Frauen dürfen allerhand, zum Beispiel mit einem Film bei den Lolas abräumen, in dem die Männer nur stören.

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