Berlin – Kaum hat der Bundesrat den Weg für das milliardenschwere Sparprogramm der Bundesregierung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) freigemacht, schlagen Ökonomen Alarm: Wer heute bei der Krankenkasse spart, könnte den Sozialstaat morgen umso teurer zu stehen kommen! Forscher des Münchner Ifo-Instituts und der Stanford University warnen davor, Gesundheitspolitik nur auf die Finanzen der Krankenkassen zu reduzieren. Denn: „Gesundheit endet nicht an der Grenze der GKV.“
Die Warnung kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Denn der Finanzdruck ist enorm: Nach Berechnungen der Finanzkommission Gesundheit klafft schon 2027 eine Finanzierungslücke von 15,3 Milliarden Euro. Bis 2030 könnte sie sogar auf 40,4 Milliarden Euro anwachsen. Ohne Reformen würde der durchschnittliche Zusatzbeitrag rechnerisch von derzeit 2,9 Prozent auf 4,7 Prozent steigen.
Das Problem
Die Bundesregierung will deshalb mit ihrem Sparpaket Milliarden einsparen. Doch genau hier sehen die Wissenschaftler ein großes Risiko. „Eine Reform, die Ausgaben nur von einer Kasse in die andere verlagert, ist keine echte Einsparung für den Sozialstaat“, warnen Ifo-Forscher Roman Klimke und seine Koautorin Maria Polyakova von der Stanford University.
Denn höhere Gesundheitskosten oder Leistungskürzungen hätten Folgen weit über die Krankenkassen hinaus. Wer wegen schlechterer Versorgung früher krank wird oder länger arbeitsunfähig bleibt, belaste später womöglich die Renten-, Pflege- oder Arbeitslosenversicherung.
Die Forscher erinnern daran, dass dieselbe Person im Laufe ihres Lebens Patient, Arbeitnehmer, Beitragszahler und später möglicherweise pflegebedürftig ist. Deshalb gelte: „Wer jede Kasse einzeln optimiert, steuert den Sozialstaat insgesamt schlechter.“
Besonders alarmierend: Bereits heute berichtet fast jeder zweite Mensch zwischen 55 und 64 Jahren von einer langanhaltenden Krankheit. Das zeige, „wie eng Gesundheit und Erwerbsfähigkeit im höheren Alter verknüpft sind“, so die Autoren.
Die Lösung der Experten
Statt nur auf kurzfristige Einsparungen zu schauen, fordern die Wissenschaftler deshalb eine völlig neue Denkweise. Gesundheitsausgaben sollten danach bewertet werden, ob sie Menschen länger gesund, arbeitsfähig und selbstständig halten – und damit langfristig auch Renten-, Pflege- und Sozialkassen entlasten.
Ihr Vorschlag: eine umfassende „Sozialstaatsrechnung“, die Kosten und Nutzen über Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung hinweg gemeinsam bewertet. Denn aus Sicht der Forscher ist entscheidend, ob eine Reform „im Lauf des Lebens Gesundheit, Erwerbsfähigkeit, Selbständigkeit und finanzielle Tragfähigkeit verbessert“ – und nicht nur die Bilanz einer einzelnen Kasse.